Heul doch nicht, du lebst ja noch

Keine Schule, die Freunde fort oder verstreut, die Stadt in Trümmern. Orientierungslosigkeit und Hunger bestimmt das Leben der Jugendlichen nach sechs langen Kriegsjahren. Aber immerhin sind sie noch am Leben. Nur können sie überhaupt ihre Zukunft gestalten? Diese Fragen stellt Kirsten Boies Roman „Heul doch nicht, du lebst ja noch“. Julia Bardosch hat ihn mit dem plattdeutschen Untertitel  „Huul man nich, du leevst ja noch“ für die Bühne bearbeitet und im Ohnsorg Studio mit einem beeindruckenden Ensemble uraufgeführt.

Wie geht es weiter im Juni 1945? (v. li: Sofie Junker, Linda Stockfleth, Severin Mauchle, Nico-Alexander Wilhelm) – Foto: G2 Baraniak

Die Kritik

Nichts als Ruinen. Wie faule Zähne ragen sie in den Himmel. Die Projektion des zerstörten Hamburgs nach dem Feuersturm zeigt die Projektion auf dem Bühnenhintergrund. Vorne liegen verstreut Trümmer herum. Sie dienen als Haus, als Versteck, als Backstube (Bühne: Katrin Reimers). Auf einem dieser Trümmer kauert Jakob (Severin Mauchle). Er wartet auf Herrn Hoffmann, der ihm eigentlich immer etwas zu essen vorbeigebracht hat. Aber jetzt ist Hoffmann schon seit Tagen nicht mehr erschienen, und Jakob hat keine Ahnung, wo er ist. Ja, er weiß nicht einmal, welcher Tag ist und – wie sich später herausstellen wird – auch nicht, dass der Krieg bereits seit zwei Monaten vorbei ist. Denn seit seine jüdische Mutter deportiert worden ist, hat sich Jakob versteckt. Aber jetzt ist der Hunger so groß, dass er seine Ruine verlässt und dabei mit Max, Traute und Hermann auf drei weitere Jugendliche trifft, die zwar nicht im Verborgenen leben mussten, die aber wie er ständig Hunger haben und in der zerbombten Stadt verzweifelt versuchen, irgendwie neu anzufangen oder vielleicht eine Zukunft zu gestalten.

Boie fragt, ob und wie es die Jugendlichen schaffen, eine Zukunft für sich aufzubauen.

Kirsten Boie setzt in ihrem 2022 erschienenen Roman „Heul doch nicht, du lebst ja noch“ die Generation in den Mittelpunkt, die bislang wenig Gehör gefunden hat. Es sind die Jugendlichen, die den Krieg miterlebt haben und mit dessen Konsequenzen wie Hunger, den Verlust von Freunden und Verwandten oder mit verkrüppelten Vätern zurecht kommen müssen. Es sind die Jugendlichen, die in der Hitlerjugend erzogen und durch die Ideologie der Nazis manipuliert worden sind. Boie fragt, ob und wie sie es schaffen, eine Zukunft für sich aufzubauen. Julia Bardosch hat diesen klugen Roman für die Bühne bearbeitet und im Ohnsorg Studio mit den vier Schauspielenden Sofie Junker, Severin Mauchle, Linda Stockfleth und Nico-Alexander Wilhelm stringent und einfühlsam inszeniert. Dabei findet sie einen packenden Rhythmus, in dem sehr laute Passagen (etwa wenn gestritten wird) mit Stille wechseln und nur ein Blick oder eine Geste ausreicht, um die Situation zu verdeutlichen. Hochdeutsche Erzählpassagen zur Einordnung des Geschehens  werden aufgeteilt, die Dialoge zwischen den Kindern oder zwischen Eltern und Kindern werden plattdeutsch gehalten (plattdeutsche Übersetzung: Peter Nissen).  Eine weitere Orientierungshilfe bieten die an eine Trümmerwand geschriebenen Daten von Freitag, 22. Juni 1945, bis Freitag 29. Juni 1945. In dieser einen Woche spielt das Geschehen um Jakob, Traute, Hermann und Max.

Neunzig Minuten, in denen die anwesenden Schulklassen mucksmäuschenstill zusehen.

Die vier Schauspieler:innen wechseln von Erzählenden in unterschiedliche Rollen. Als Grundkostüm tragen sie Tweedhosen, Hemden und Hosenträger, mit einer Jacke, einer Schürze oder einem Kopftuch (Kostüme: Lili Wanner)  verwandeln sie sich in andere Figuren und sind in jeder einzelnen Rolle überzeugend. Severin Mauchle als ängstlicher meist den Blick nach unten gesenkter Jakob verkörpert in anderen Szenen Hermanns Vater, der im Krieg nicht nur beide Beine, sondern auch jegliche Hoffnung verloren hat. Sein kalter, ins Nichts gerichteter Blick, sein nervöses Zittern mit der Zigarette, seine Beschimpfungen bündeln die ganze Verbitterung dieses Kriegsversehrten. Nico-Alexander Wilhelm als sein Sohn Hermann hat noch immer den schneidigen Nazi-Dreh drauf. Durch und durch von der NS-Ideologie infiltriert, hält er auch nach Kriegsende  KZs für eine Erfindung der Gegner. Er hasst sein Zuhause, die Last mit dem Vater und sehnt sich danach, wegzukommen.  Sofie Junker zeigt die Einsamkeit der Bäckerstochter Traute, ihre Überwindung, das letzte Brot zu stehlen, um damit Freunde zu finden, aber auch die Gewissensbisse, die sich einstellen, als der Vater die einquartierte polnische Familie des Diebstahls verdächtigt. Linda Stockfleth überzeugt vor allem als Hermanns zunächst unterwürfige, um den Familienfrieden bemühte Mutter, die aber dann eine sich bietende Gelegenheit ergreift und  sich mit dem Meisterbrief ihres Mannes in einer Werkstatt verdingt. Damit lehnt sie sich gegen ihren Mann auf und zeigt, dass sie es alleine schafft, die Familie zu ernähren.

Gut neunzig pausenlose Minuten erzählt diese von diskreter Musik (Jan W. Beyer) unterlegte Inszenierung von den Jugendlichen, ihren Familien und ihren zaghaften Hoffnungen auf eine selbst gestaltete Zukunft. Neunzig Minuten, in denen die anwesenden Schulklassen in dieser Vorstellung mucksmäuschenstill zusehen. Ein größeres – und unbedingt verdienteres!- Kompliment gibt es nicht.    

Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/heul-doch-nicht-du-lebst-ja-noch/

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Folgen des Zweiten Weltkrieges: Hunger, Leben in Trümmern, Kriegsversehrte, Tote, Orientierungslosigkeit
  • Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
  • Fragen nach einer selbst gestalteten Zukunft nach dem Krieg
Formale SchwerpunKte
  • Aufteilung der Erzählpassagen auf mehrere Figuren
  • Rollenwechsel durch Kostümteile, Körper- und Sprechhaltung
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 13/14 Jahre, ab Klasse 8
  • Empfohlen für den Geschichts-, Deutsch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Eine Woche im Juni 1945. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende, weite Teile Hamburgs vom Feuersturm verwüstet, die Stadt von den Engländern besetzt. Jakob, dessen jüdische Mutter nach Theresienstadt deportiert worden ist, hat sich in einer Ruine verkrochen und wartet auf Herrn Hoffmann, der ihn mit Essen versorgt. Aber Hoffmann kommt nicht mehr, und Jakob, der jedes Zeitgefühl verloren hat und nicht einmal weiß, dass der Krieg zu Ende ist, macht sich nach tagelangem Hungern auf die Suche nach etwas Essbarem. Er trifft dabei auf Max, Traute und Hermann, Jugendliche wie er, auch sie treibt der Hunger und die Orientierungslosigkeit um. Traute, die sich ohne Freundinnen und ohne Schule einsam fühlt, stiehlt heimlich das letzte Brot aus der Backstube ihres Vaters, um damit bei den Jungs eine Eintrittskarte zum Mitspielen zu bekommen. Hermann, der bei der HJ eine führende Position innehatte und noch immer der Nazi-Ideologie verhaftet ist, muss sich um seinen Vater kümmern, der im Krieg beide Beine verloren hat und nun als verbitterter Krüppel zu Hause sitzt. Max versucht zwischen Traute, Hermann und später auch Jakob zu vermitteln. Für alle scheint es schwierig, eine eigene Zukunft nach dem Krieg aufzubauen.

Mögliche Vorbereitungen

Ausführliches Begleitmaterial zum Stück, zur Zeit von 1933 – 1948 sowie zur Nachbereitung kann beim Ohnsorg Studio kostenlos unter studio@ohnsorg.de angefordert werden.

Möglich ist auch:

Recherche zu

  • Feuersturm auf Hamburg und die Konsequenzen
  • Jugendliche  und Jugendorganisationen im Nationalsozialismus
  • Trümmerfrauen
  • Inhalt von Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch

 

Speziell für den Theaterunterricht
Entwicklung einer Szenenfolge über Rollenwechsel über Kostümteile, Körper- und Sprechhaltung
  • Die Spielleitung legt verschiedene Kostümteile (Jacken, Kopfbedeckungen o.ä.) aus und verteitlt unten stehende Inhaltsangabe zu Ad de Bonts „Das besondere Leben der Hilletje Jans“ an Dreiergruppen. Die Gruppenmitglieder tragen einheitliches, möglichst schwarzes Grundkostüm.
  • Danach: Präsentation und Feedback
Aufgabe:

Entwickelt aus der Inhaltsangabe eine Szenenfolge, in der ihr über Kostüm, Körper- und Sprechhaltung verschiedene Rollen verkörpert. Der Rollenwechsel darf für das Publikum sichtbar sein.

Inhaltsangabe:

Ad de Bont: Das besondere Leben der Hilletje Jans

Das Stück spielt in den Niederlanden des 18. Jahrhunderts.

Hilletje Jans lebt als kleines Mädchen mit ihren Eltern in Utrecht. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern kann sie nicht bei ihren dortigen Verwandten bleiben und macht sich daher allein auf den gefährlichen Weg nach Amsterdam, in der Hoffnung, bei ihrer Tante unterzukommen, die dort eine Hafenkneipe betreibt.

Ihre Tante nimmt Hilletje auf. Als in der Kneipe ein Mord geschieht, wird dieser Hilletje angehängt, die daraufhin zur Strafe sieben Jahre in einem Frauengefängnis, einem sogenannten Spinnhaus zubringen muss. Nach dem Absitzen ihrer Strafe kehrt sie zu ihrer Tante und ihrer ebenfalls in der Kneipe beschäftigten Cousine zurück. Hilletje muss, um dort bleiben zu können, schmutzige Arbeiten verrichten und schwere Demütigungen durch ihre Tante und ihre Cousine erleiden, was sie schließlich zur Flucht bewegt.

Als Mann verkleidet, heuert sie unter dem Namen Jan Hille auf einem Schiff als Matrose an. Nach dem Tod des kranken Kapitäns auf See stellt sich die Frage, wer dessen Posten übernehmen soll. Bei einem Angriff von Piraten übernimmt Jan/Hilletje die Führungsrolle und schafft es, durch mutiges und besonnenes Verhalten den Angriff abzuwehren. Somit fällt die Wahl auf sie.

Bei Rückkehr des Schiffs nach Amsterdam hat sich die Kunde vom großen „Kapitän Jan Hille“ bereits herumgesprochen, so dass er als Zeichen der Anerkennung mit einer vornehmen Tochter der Stadt verheiratet werden soll. Hilletje willigt in die Hochzeit ein, woraufhin ihr Rollenspiel enttarnt wird. Da sie sich durch den Rollentausch und die damit „erschlichene“ Hochzeit todeswürdiger Delikte schuldig gemacht hat, wird ihre Hinrichtung gefordert. Schließlich wird jedoch der holländische Prinz als Richter in dieser Sache herbeigerufen, der Hilletje am Ende freispricht.

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