Wie fühlt sich das an: Als kleines Mädchen aus der Heimat zu fliehen? In einem Land mit fremder Sprache und Kultur anzukommen? Im Asylantenheim zu leben? In der Schule die Ausländerklasse zu besuchen? Und überhaupt schwarz zu sein in Deutschland? Davon erzählt die Hamburger Theatermacherin Mable Preach in ihrer „Opera of Hope“ auf Kampnagel.

Die Kritik
Die Anordnung der drei Frauen auf der rechten Bühnenseite erinnert an eine Skulptur: eine kniend, eine stehend, eine sitzend. Links hinter ihnen verteilt ein Mammutbaum aus hellen und dunkleren Stoffbahnen seine Wurzeln über den Boden, seine Krone verschwindet im Nirgendwo (Bühne: Dennis Stöcker, Soffia Ralfsdóttir Heese). Im Hintergrund zeigt ein verschwimmendes Video (Video: Big Ghun, Severin Renke) eine im Fallen begriffene Figur. Mit einem stillen, in warmes Licht getauchten Bild beginnt „Opera of Hope“ in der k6 auf Kampnagel. Nach der Uraufführung im Februar letzten Jahres am gleichen Ort und Vorstellungen in Hannover ist sie jetzt für drei Vorstellungen zurückgekehrt.
„Kellinghusenstraße“ ist das einzige, was sie verstanden hat.
Es ist die persönliche Geschichte der Hamburger Theatermacherin und Kulturaktivistin Mable Preach, und nein, eine Oper mit klassischen Arien ist es nicht. Eher eine Art Musical mit Songs, die Anleihen bei Pop, Gospel und Soul nehmen. Gesungen werden sie Solo oder von den insgesamt dreizehn Darsteller*innen, bestehend aus Chor, Erzähler*innen und Tänzer*innen, begleitet von einem Streichquintett und zwei weiteren Musikern (Musikalische Leitung: Isaac Gordon jr., Obed Owusu-Motovsky). Sandfarbene Kostüme mit rostfarbenen Applikationen (Kostüme: Gianna-Sophia Weise, Hools of Fashion) unterstreichen wie auch das Bühnenbild den afrikanischen Ursprung der Geschichte von Preach, die in Ghana beginnt und in Hamburg endet. In den achtziger Jahren flieht die Familie nach dem Machtantritt von Jerry Rawlings nach Europa und es dauert eine Weile, bis sie schließlich in Hamburg ankommen. In Erinnerung bleibt dem Kind die erste Fahrt mit der U-Bahn, deren Türen sich schließen, bevor der Vater einsteigen kann. „Kellinghusenstraße“ ist das einzige, was sie verstanden hat. An der Station steigen die Mutter und die kleinen Kinder aus, und tatsächlich kommt dort mit der nächsten Bahn auch der Vater an. Dann geht es ins Asylantenheim. Dort ist es eng, junge Mädchen sind Übergriffen ausgesetzt, statt Asyl gibt es immer wieder nur den Status der Duldung. „Warteschleife/unser Leben ein Stillstand/ jeder Tag ein Kampf/aber wir stehen Hand in Hand“, singen die Darsteller*innen. Ihre Bewegungen und die teilweise akrobatischen Choreografien (Bisi Bangiwe Ka Jobela) haben etwas Leichtes, beinahe Fröhliches – ein Kontrapunkt zu der nervenzermürbenden Situation. Das Positive im Titel „Opera of Hope“ hat jedoch nichts Naives. Preach bleibt nicht stecken in Pessimismus oder Lethargie. Sie setzt den schwierigen Situationen Stärke durch Solidarität und Selbstbewusstsein entgegen. Ihr individuelles Schicksal bettet sie durch die von Martha Samba zitierten englischsprachigen Texte in einen übergeordneten Zusammenhang: „Ich weiß, wer ich bin. Eine wunderschöne Tapisserie gewebt aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“
Aus dicken Seilen haben die Darsteller*innen im Laufe der knapp 100minütigen Vorstellung ein Netz gewebt, das am Ende an den Bühnenhimmel gezogen wird. War es das also mit der Solidarität? Kann der Rassismus unwidersprochen, ungehindert fortschreiten? Der letzte auf den Hintergrund projizierte Satz stimmt nachdenklich: „Ich bin müde“. Zweimal steht er da. Die „Opera of Hope“ ist noch bis zum 24. Januar auf Kampnagel zu sehen.
Weitere Informationen unter: https://kampnagel.de/produktionen/mable-preach-formation-now-opera-of-hope