The Picture of Dorian Gray

Die Sehnsucht nach ewiger Jugend und Schönheit, Illusionen, die die eigene Wahrnehmung manipulieren, Narzissmus, der geltende Moralvorstellungen in den Wind schlägt – es gibt eine Reihe von spannenden und nach wie vor aktuellen Themen in Oscar Wildes „The Picture of Dorian Gray“. Anlässlich seines 50. Jubiläums hat das Hamburger English Theatre die Bühnenfassung von Merlin Holland und John O’Connor auf seinen Spielplan gesetzt und sich für eine klassisch-traditionelle Inszenierung entschieden.

Fasziniert vom eigenen Bildnis: Dorian Gray (Joshua Campbell-Hart})- Foto: Stefan Koch

Die Kritik

Ende des 19. Jahrhunderts, im Roman und auf der Bühne von Mathias Wardeck: Sepiafarbene Videos im Hintergrund, vorne eine Ottomane, eine fahrbare Treppe und golddurchwirkte Tapeten, dazu aufwändige Kostüme (Jutta Kreischer) sowie hin und wieder eingeblendetes Pferdegetrappel und das Rauschen von Regen  – all das sorgt im Hamburger English Theatre für Lokalkolorit und einen Backlash in die Zeit von Oscar Wilde. Für seine Inszenierung von „The Picture of Dorian Gray“ in der Bühnenadaption von John O’Connor und Merlin Holland hat Paul Glaser den klassisch-traditionellen Weg gewählt. Das betrifft die Ausstattung, vor allem aber auch die Erzählweise. In 160 Minuten (inkl. Pause) wird die Geschichte um den von ewiger Jugend besessenen Dorian Gray wiedergegeben, ohne dass Glaser Schwerpunkte setzt oder besondere Aspekte unter die Lupe nimmt. Doch davon gibt es genug: Selbstverliebtheit, Homosexualität, Hedonismus, Eitelkeit, um nur einige zu nennen.   

Aber der Reihe nach. Der Maler Basil Hallward (William Osbeldiston-Hawkes) hat sich in den schönen jungen Dorian Gray {Joshua Campbell-Hart} verliebt und malt zu Hause dessen Porträt. Er will es für sich behalten und es nicht, wie ihm Lord Henry Wotton (Ben Kenzie)rät, öffentlich ausstellen. Zu offensichtlich scheinen ihm darin seine persönlichen Gefühle für den jungen Mann zu sein. Auch Dorian ist fasziniert von dem Bildnis und empfänglich für Lord Henrys Ideen. Der reibt ihm unter die Nase, wie schnell Jugend und Schönheit vergehen können. Deshalb, so seine Philosophie, solle man den Moment mit all seinen Freuden genießen, koste es, was es wolle. Lord Henry wird als eine Art Mephisto zum wichtigsten Einflüsterer Dorians, der für den Moment, für den Erhalt seiner aktuellen Jugend und Schönheit, sogar seine Seele verkaufen will. Soll doch das Bild an seiner Stelle Bild altern. Angeleitet von Lord Henry verliert sich Dorian in Selbstverliebtheit und Hedonismus. Er lässt sich – wie seine Liebe zu der Schauspielerin Sybil Vane (Jess Saunders)beweist – vom schönen Schein blenden und  ignoriert die Wirklichkeit. Er verliert mehr und mehr jede Empathie und schreckt sogar vor einem Mord nicht zurück. Seinen innerlichen Verfall spiegelt sein Porträt wider. Es wird faltig und hässlich. Und die Londoner Gesellschaft? Akzeptiert ihn nach wie vor, denn sein Äußeres bleibt makellos. 

Aber es gibt ja auch das vierköpfige Ensemble. Das kann wie eigentlich immer im English Theatre unbedingt überzeugen

An aktuellen Themen mangelt es Oscar Wildes einzigem Roman also wahrlich nicht: Was sind denn beispielsweise die ewigen Selfies anderes als ein Zeichen von Narzissmus? Was Botox, Schönheitsoperationen und Longlivety anderes als die Sehnsucht nach ewiger Jugend? Man braucht keine angestrengte Aktualisierung dieses Stückes vorzunehmen, eine Schwerpunktsetzung hätte allerdings klar gemacht, warum es sich Glaser 2026 ausgesucht hat und was genau er erzählen will. Wenn aber alles beinahe gleich gewichtet wird, wenn einige Szene eher dem Dekor als dem eigentlichen Thema dienen – und daher unbedingt gestrichen werden müssten – , dann wird die Geschichte insgesamt zu blass. 

Aber es gibt ja auch das vierköpfige Ensemble. Das kann wie eigentlich immer im English Theatre unbedingt überzeugen. Mit Ausnahme von Joshua Campbell-Hart  als Dorian übernehmen die drei übrigen Mitglieder des Ensembles genderübergreifend alle weiteren Rollen mit Bravour, besonders Jess Saunders. Tiefstes Cockney aus dem Arbeitermilieu kommt ihr ebenso selbstverständlich über die Lippen wie das gezierte  stiff-upper-lip-Englisch des Londoner Adels. 

„The Picture of Dorian Gray“ in Glasers Inszenierung hat also durchaus Qualitäten und mag einem anglophilen, traditionelles Theater liebenden Publikum gefallen. Ein paar rigorose Streichungen und eine Schwerpunktsetzung hätten dennoch gut getan.

Weitere Informationen unter: https://eth-hamburg.de/2020/12/08/the-picture-of-dorian-gray/

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Sehnsucht nach ewiger Jugend und Schönheit
  • Verführung und Verlust der Moral
  • Narzissmus
Formale SchwerpunKte
  • klassisch-realistische Spielweise und Inszenierung
  • Erweiterung des Bühnenbildes durch Video-projektionen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12
  • Geeignet für den Englischunterricht (Leistungskurs)
Mögliche Vorbereitungen

Informationen zu Oscar Wilde, zum Inhalt sowie Fragen zu Handlung und Charakteren bietet das English Theatre unter: https://eth-hamburg.de/wp-content/uploads/2026/08/Study-Guide_The-Picture-of-Dorian-Gray.pdf

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