Auf Wunder ist Verlass

Er geistert wieder durch die Republik, der Antisemitismus. Versteckt oder lauthals propagiert forciert er Hass und Ausgrenzung alles Jüdischen. Was er übersieht, ist unter anderem der positive Einfluss jüdischer Deutsche auf unsere Kultur. Mathias Schönsee  hat nach dem Verbindenden geforscht. Entstanden ist daraus ein aufschlussreicher, unterhaltsamer und absolut positiver musikalischer Abend. Dessen sehenswerte Uraufführung ist derzeit unter dem Titel „Auf Wunder ist Verlass“ an den Hamburger Kammerspielen zu sehen.

Einfach weiter machen (v. li: Emil Schuler, Noëlle Ruoss, Niclas Rotermund, Christoph Schüchner) – Foto: Bo Lahola

Die Kritik

Zum Beispiel Kurt Weill. Oder Friedrich Hollaender. Sie alle sind jüdischer Abstammung. Na und? Ihre Songs, ihre Gedichte und Texte sind längst nicht mehr wegzudenken aus der bundesrepublikanischen Kultur, haben sie erweitert und bereichert. So haben Till Lindemann und Udo Lindenberg Hollaenders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ für sich entdeckt, und die Toten Hosen singen begeistert Weills Kanonsong aus Brechts „Dreigroschenoper“. In Zeiten, in denen sich plötzlich die berechtigte Kritik an der israelischen Regierung ausweitet auf alles Jüdische und der Antisemitismus bei manchen Parteien hoffähig wird, in diesen Zeiten schien es Autor und Regisseur Mathias Schönsee sinnvoll, dagegen zu halten. Und zwar mit etwas Positivem, Verbindendem. Er entwickelte „Auf Wunder ist Verlass“, im Untertitel „ ein musikalischer Abend über das, was uns verbindet“. Die Uraufführung ist jetzt in den Hamburger Kammerspielen zu sehen. 

Schönsee hat dafür eine Reihe von Songs, Texten und Gedichten von Lessing bis Mascha Kaléko herausgesucht, präsentiert von einem famosen achtköpfigen Ensemble unter der musikalischen Leitung von Emil Schuler. Die Schauspieler:innen können nicht nur singen – vor allem Katrin Gerken, Noëlle Ruoss und Lennora Esi – und hervorragend ihre jeweiligen Instrumente bedienen, sie spielen an diesem Abend tatsächlich auch Rollen. Denn „Auf Wunder ist Verlass“ ist eine Art Musical mit einer Handlung, die die einzelnen Lieder irgendwie zusammenhält (wobei die Beziehungskrisen zwischen Katie (Katrin Gerken) und Kris (Christoph Schüchner) und Zoe (Noëlle Ross) und Josh (Jascha Schütz) nicht zwingend notwendig sind). 

Die drohende Katastrophe ließe sich metaphorisch deuten.

Das Kreuzfahrtschiff „Deutschland“ ist auf hoher See mit all seinen Gästen auf Grund gelaufen, es könnte zu eine Katastrophe kommen. Das ließe sich metaphorisch deuten, denn man befindet sich am Ende der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und hört bald vom Reichstagsbrand und der Verfolgung jüdischer Künstler. Doch tapfer wie einst das Orchester auf der untergehenden „Titanic“ behält die Bord-Band den Kopf oben und unterhält das Publikum mit seiner Show einfach weiter. Aus dem Fundus können gerade noch ein paar Kostüme gerettet werden, die jeweils Impulse für Songs oder Texte geben, wie etwa der weiße Mantel, den Kris (Christoph Schüchner) einst in seiner Rolle als Nathan der Weise getragen hat. Im Laufe des 135minütigen Abends (inkl. Pause) wird er immer wieder versuchen, die berühmte Ringparabel zu memorieren. Am Ende wird er sie mit allen Ensemblemitgliedern gemeinsam sprechen und damit einen der vielen berührenden Momente dieser Vorstellung schaffen. 

Unterschiedliche Perspektiven wie die Außenwand des Schiffs, die Garderoben oder eben die Show-Bühne selbst können über die mobilen halbrunden Stellwände (Bühne und Kostüme: Ariane Königshof) hergestellt werden. Das Publikum der Hamburger Kammerspiele wird in die Rolle der Kreuzfahrt-Teilnehmenden versetzt, denen das Ensemble in Glitzerkostüme und Glitzer-MakeUp den drohenden Untergang vergessen zu machen sucht. Tatsächlich wird man allerbestens unterhalten und erfährt gleichzeitig, wie sehr jüdische Künstler:innen unsere Kultur beeinflusst haben. Und nicht nur sie. Auch diejenigen, die einige gerne heute ausgrenzen und abschieben möchten. Künstler:innen mit migrantischem Hintergrund, Dinçer Güçyeter zum Beispiel, lässt dieser Abend ebenfalls zu Wort kommen, denn auch sie bereichern mit ihrer Kunst unsere Kultur. 

Den Kammerspielen ist mit dieser Uraufführung ein bemerkenswerter, kluger und gleichwohl mitreißender Start in die neue Spielzeit gelungen. Man sollte diesen Abend nicht versäumen.

Weitere Informationen unter: https://hamburger-kammerspiele.de/programm/auf-wunder-ist-verlass/

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte

 

  • Bereicherung der deutschen Kultur durch jüdischstämmige Künstler:innen
  • Informationen zum Schicksal dieser Künstler:innen
  • Einbettung in historische Abläufe
  • Einfluss von migrantisch stämmigen Künstler:innen auf unsere Kultur.
Formale SchwerpunKte
  • Musikalischer Abend mit Rahmenhandlung
  • Songs, Texte und Gedichte 
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 15/16 Jahre, ab Klasse 10/11
  • Geeignet für den Geschichts-, Deutsch- und Musikunterricht
Zum Inhalt

Das Wesentliche an diesem Abend sind die Texte, Songs und Gedichte. Die etwas dünne Rahmenhandlung dreht sich um ein Kreuzfahrtschiff, das mit all seinen Passagieren auf Grund gelaufen ist. Die mögliche Katastrophe überspielt die achtköpfige Show-Band mit ihrem Abend „Auf Wunder ist Verlass“. Dabei wird der zeitliche Bogen von den späten Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts bis heute gespannt.

 

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu 

  • Kulturbegriff
  • Ausgewählten Künstler:innen jüdischer Herkunft, die Deutschland während der NS-Zeit verlassen mussten (Biografie, Werke)
  • Einfluss dieser Künstler:innen auf unsere Kultur 
  • Aktuellen Künstler:innen mit migrantischem Hintergrund und ihren Einfluss auf unsere Kultur
  • Kulturbegriff der AfD
  • Interpretation des Songs „Sag mir, wo die Blumen sind“

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