Meisterklasse

a sprengt einer mal alle Erwartungen. Wer hätte denn gedacht, dass in einem vornehmlich auf Entertainment abonnierten Theater wie dem Schmidt ausgerechnet ein Stück wie Terence McNallys „Meisterklasse“ auftaucht? Und dass der an sich fürs Schräge bekannte Hausherr Corny Littmann einen so feinfühligen, differenzierten Abend mit einer fantastischen Darstellerin inszeniert? Also hingehen und sich selbst überzeugen!

Maria Callas (Annie-Barbara Fenske) zeigt, wie es geht. – Foto: Morris Mac Matzen

Die Kritik

Die Callas lässt auf sich warten. Pünktlichkeit hat die alternde „Göttliche“, die „Primadonna assoluta“ auch jetzt nicht nötig. Sie steht zwar nicht mehr auf den Bühnen der berühmtesten Opernhäuser der Welt und gibt stattdessen aufstrebenden Gesangsstudierenden Unterricht, aber sie ist und bleibt ein Star. Also bittet ihr Pianist Emanuel Weinstock (Markus Jan Weber) das Publikum im Schmidtchen erst einmal um Geduld und überbrückt die Wartezeit am Piano mit fünf Hits aus der Opernwelt, die die Zuschauer*innen selbst auswählen dürfen. Ein entsprechender Flyer mit Vorschlägen liegt auf den Plätzen. Und dann rauscht sie herein. Glänzende Bluse, taillierte Hose, die Haare in strengem Knoten (Kostüme: Ricarda Lutz), zielsicherer Schritt. Annic-Barbara Fenske lässt schon bei ihrem ersten Auftritt keinen Zweifel, dass sie als Maria Callas den Raum dominiert. Das Sagen hat sie sowieso. Eine herrische Geste, ein direkter Blick ins Publikum und ihre Ansage „Kein Applaus!“ wird brav befolgt. Mit klirrender Freundlichkeit kommandiert sie ihren Pianisten herum, kann sich aber dessen Namen „unmöglich merken“, – er ist ja schließlich nicht auf Augenhöhe – und bittet dann „das erste Opfer“ herein.

Zum Hintergrund: Maria Callas galt mit ihrer biegsamen, fast drei Oktaven umfassenden Stimme als bedeutendste Sopranistin des 20. Jahrhunderts. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen schaffte sie es durch harte Arbeit und Ehrgeiz Anfang der 1940er Jahre auf die Opernbühnen und begann damit ihren Siegeszug um die Welt. Als knapp dreißig Jahre später ihre Stimme nachließ, zog sie sich zurück und begann an der New Yorker Juilliard School Gesangsunterricht zu geben. Diese Meisterklasse inspirierte den mehrfach ausgezeichneten US-amerikanischen Dramatiker Terrence McNally zu seinem gleichnamigen Kammerspiel. Ausgehend von der Unterrichtssituation verfällt die Callas immer wieder in Erinnerungen an ihre große Zeit, ihre Kindheit und Jugend und ihre beiden Ehen. 

Eingespielte Originalaufnahmen unterstützen die Gedanken an ihre große Zeit.

Fenskes Callas ist anfangs hart wie Marmor. Mitleidlos unterbricht und demütigt sie ihre erste Schülerin Sophie. Freja Sandkamm, selbst  studierte Opernsängerin, agiert in dieser Rolle ungelenk und staksig und senkt stets devot den Blick. Als zweite Studentin Sharon, die sie ebenfalls spielt, ist sie dagegen selbstbewusst und brüskiert die Callas mit ihrem starken Auftritt. Auch der Tenor Tony (Ljuban Zivanovic) lädt sich nicht ins Bockshorn jagen und beharrt darauf, seine Arie zu singen, ohne ständig unterbrochen zu werden. Berührend wird es bei den Erinnerungen der Callas. Eingespielte Originalaufnahmen unterstützen ihre Gedanken an die große Zeit, man sieht sie quasi vor sich, wie sie die größten Regisseure, Dirigenten und auch das Publikum um den Finger wickelt. Der strahlende Star wird jedoch klein  und zu einem bittenden, hilflosen Wesen, das sich ganz und gar den Direktiven ihres zweiten Mannes, dem Großreeder und Milliardär Aristoteles Onassis, unterordnet. Breitbeinig und prollig gibt Fenske diesen damals reichsten Mann der Welt wieder, der von Klassik keine Ahnung hatte und sich nur mit der berühmten Sopranisten schmücken wollte. In diesen Szenen bricht das eiskalte, für die Öffentlichkeit bestimmte Bild der Callas und zeigt, wie zart und verletzlich sie ist. Ein differenzierter, unbedingt sehenswerter Abend.

Noch bis zum 28. März ist „Meisterklasse“ im Schmidtchen zu sehen. Der Weg lohnt sich. 

Weitere Informationen unter: https://www.tivoli.de/programm-tickets/meisterklasse?

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