Last Call

Treffen sich zwei Stardirigenten in der „Blauen Bar“ des Hotel Sacher. Das ist nicht der Beginn eines Witzes, sondern vielmehr die Grundlage für „Last Call“ von Peter Danish. Das Kammerspiel um die Begegnung zwischen Leonard Bernstein und Herbert von Karajan wurde im April letzten Jahr am New Yorker Broadway uraufgeführt, jetzt hat die gleiche Inszenierung mit der gleichen Besetzung ihren Weg in die Hamburger Kammerspiele gefunden. Ein Glück!

Bernstein (li: Helen Schneider) und Karajan (Lucca Züchner) – Foto: Maria Baranova

Die Kritik

Es war schon ein merkwürdiger Zufall an diesem Abend. Der US-amerikanische Theaterautor Peter Danish saß in der „Blauen Bar“ des Hotel Sacher und las in den gesammelten Briefen von Leonard Bernstein. Das bemerkte der Kellner und erklärte dem verblüfften Danish, dass er vor ziemlich genau dreißig Jahren in dieser Bar eben jenen Bernstein und auch Herbert von Karajan bedient habe. Zwei Stardirigenten, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten, musste auch der aufmerksame Kellner feststellen. Das Gespräch der beiden Künstler hinterließ jedenfalls einen nachhaltigen Eindruck bei ihm. Danish, ganz Profi, witterte einen guten Theaterstoff und setzte sich noch in der gleichen Nacht an das Stück, dem er den Titel „Last Call“ gab. Die Uraufführung, produziert von dem Kölner Unternehmer Frank Blase und inszeniert von Gil Mehmert, wurde am New Yorker Broadway gefeiert, und glücklicherweise waren die Hamburger Kammerspiele unter Intendant Axel Schneider schnell genug, sich die deutschsprachige Erstaufführung zu sichern. „Last Call – Letzte Runde“ wird bis zum 8. März im Theater an der Hartungstraße zu sehen sein. 

Ein Kristallleuchter vor blauer Ornamententapete, kleine Vierertischchen und ein indirekt erleuchteter Bartresen zeichnen die „Blaue Bar“ im Hotel Sacher nach (Bühne: Chris Barreca). Der Tresen ist übrigens drehbar und zeigt auf seiner Rückseite mit Urinal und Waschbecken das Herren-WC. Wenn Bernstein oder Karajan dahin verschwinden und den jeweils anderen alleine in der Bar lassen, werden die Gedanken, die sie voreinander nicht aussprechen, aus dem Off eingespielt und relativieren den Schlagabtausch dieser beiden Alpha-Tiere. Denn die schenken sich erst einmal gar nichts. Anfangs sehen wir Karajan (Lucca Züchner), wie er gebeugt über eine (eingespielte) Brahms-Partitur seinen Auftritt probt. 162mal hat er Brahms’ Sinfonie Nr 1 bereits dirigiert, aber wie immer bereitet er sich exakt vor und trinkt dazu Tee. Dann erscheint laut und raumgreifend Leonard Bernstein (Helen Schneider), begrüßt Michael, den Ober (Victor Petersen), herzlich und bekommt den schon vorbereiteten Ballantine’s-Whisky kredenzt. Man kennt sich eben. Schon an der Getränkewahl wird der Unterschied der beiden Künstler deutlich: Hier der Lebemann, Weltbürger und Genießer, dort der Asket und Kontrollfreak. 

Das Kreative Bernsteins steht gegen Karajans Perfektionismus.

Gil Mehmert hat beide Dirigenten weiblich besetzt. Das hat nichts Genderfluides an sich, sondern wirkt durch Schneider und Züchner in den Kostümen von René Neumann absolut stimmig. Der gebürtigen New Yorkerin Schneider nimmt man auch durch den leichten Akzent den Amerikaner Bernstein ab. Ihre Bewegungen sind schwungvoll, die Gesten dominierend. Züchner zeigt dagegen einen schlecht beweglichen 80jährigen Karajan, der Mühe beim Aufstehen hat. Scharf geht er mit Bernsteins lockerer Art und dessen Verständnis von Musik ins Gericht, wirkt verbissen und pedantisch. Das Kreative Bernsteins („Ich komponiere, erschaffe aus dem Nichts“) steht gegen den Perfektionismus von Karajan, der von sich behauptet, die Werke der Komponisten ernst zu nehmen und eben genau so zu dirigieren. Bernstein findet das öde, weil es immer das Gleiche bleibt und nichts Eigenständiges hinzufügt. Dennoch, man beneidet den anderen, gibt das aber nur insgeheim (siehe WC-Monolog) zu.  Ein ständiger Streitpunkt ist Karajans Verhalten während der NS-Zeit und sein zweimaliger Eintritt in die Partei, auch wenn Bernstein dieses Thema erst „nach zwanzig Minuten!“ (Karajan) anspricht. Statt weiter anzugreifen, versucht Karajan sein Verhalten zu erklären und endet schließlich mit einem Bekenntnis zur Scham. 

Ist denn da „nichts, worüber Sie sich einigen können?“, fragt der ansonsten sehr diskrete, manchmal fast devote Ober Michael. Doch, ja, Maria Callas bewundern beide einhellig. Und während sie über Karajans Arbeit mit ihr an Donizettis „Luca di Lammermoor“ sprechen, leiht Victor Petersen der Callas seine Stimme. Auf einem Stuhl und angetan mit einer vom Bühnenhimmel schwebenden, bis zum Boden reichenden  Robe überstrahlt er mit der Arie „Il dolce suono“ plötzlich alles und lässt die beiden Dirigenten auf einmal ganz klein wirken. 

Dieser knapp 90minütige Abend ist ein Genuss, nicht nur, aber besonders auch für Klassik-Fans. Wer kann, sollte sich möglichst bald um Karten kümmern.

Weitere Informationen unter: https://hamburger-kammerspiele.de/programm/last-call/

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