KOHKS

Was bringt uns Energie? Koks – also Kohle und Kokain. Beides durchaus problematisch. In „KOHKS“, einer performativen Hafenrundfahrt zu den Kohlehalden am Hansaport, setzen sich die Kollektive wirvier  aus Hamburg und Luz de Luna aus Bogotá kritisch und dennoch unterhaltsam mit den beiden Energielieferanten auseinander.

Auf dem Weg zum Kohlehafen (Ensemble von wirvier und Luz de Luna) – Foto: Diana Sánchez

Die Kritik

Der Kohlenstaub haftet hartnäckig, macht die Hände für eine Weile schmutzig – „Blutkohle“. In 300-Gramm-Portionen sind die Kohlestückchen an die dicht gedrängt sitzenden Zuschauer:innen auf der Barkasse „Tanja“ verteilt worden. Die Kohle stammt aus Kolumbien, deren Abbau zerstört Menschen, Natur und soziale Bewegungen. Deutschland weiß davon, deckt aber weiterhin seinen Bedarf an Kohle aus Kolumbien. Und macht sich schuldig. Die schmutzigen Hände sind dafür ein drastisches Bild.

„KOHKS“  – in dem Titel stecken „Kohle“ (für den Brennstoff, aber auch für Geld) und „Koks“ für Kokain –  ist eine Performance, in der sich das Hamburger Kollektiv Wirvier und die kolumbianische Gruppe Luz de Luna kritisch mit dem Import der beiden Energielieferanten auseinandersetzen. Und um es gleich vorwegzunehmen: „KOHKS“ ist keine neunmalkluge Belehrung, sondern vielmehr ein gut recherchierter, informativer und ja, auch sehr unterhaltsamer Abend. Die Idee dazu kam Lionel Tomm von wirvier bei einer Hafenrundfahrt. Um nicht nur die Hamburger Perspektive, sondern auch die der Kolumbianer zu Wort kommen zu lassen, wurde die Gruppe Luz de Luna aus Bogotá mit ins Boot geholt. Gemeinsam entstand eine dreistündige Performance in drei Teilen zum Thema globaler Energiefluss. 

Das Publikum kann über Kopfhörer zwischen Spanisch und Deutsch wählen.

Start ist der Anleger Hafentor bei den Landungsbrücken. Ein Polaroid mit einer riesigen Nase für jede Besucherin und jeden Besucher, dann geht es los mit der 90jährigen Barkasse Richtung Kohlehafen oder besser: nach Bogotà, wo man in vierzehn bis zweiundzwanzig Tagen („je nach Wetter“) ankommen wird. Ist natürlich nur eine theatrale Behauptung, passt aber gut in die Vorstellung der insgesamt acht Performer.:innen. Informationen zum Abbau und Verbrauch von Kohle und Kokain auf Spanisch oder Deutsch – das Publikum kann über Kopfhörer die jeweilige Sprache wählen – wechseln mit dem Vortrag von Gedichten oder Geschichten, mit Songs wie „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ und Body-Percussions oder Tanzbewegungen der Crew. Viel mehr Spiel ist tatsächlich auf der ausverkauften „Tanja“ nicht drin. Immer wieder wird auch das Publikum mit einbezogen, muss Quizfragen beantworten oder mit Sitznachbar:innen in ein Gespräch kommen, dessen Eingangsfragen sich im Programmheft finden. Ein kleines Stückchen Mohnkuchen gibt es auch noch (Aus Mohn wird schließlich Opium gewonnen, ist also so ähnlich wie Kokain. Und Koka-Blätter kann man in Deutschland nicht bekommen). 

„Coka ist nicht Kokain!“

Kaum angelandet – wir sind jetzt im zweiten Teil und damit am Ziel in Bogotá – empfangen uns Kolumbianer:innen in indigenen Kostümen und auf Stelzen. Das erhebt sie, könnte sie aber auch leichter zu Fall bringen. Natürlich sprechen sie nur spanisch, und trotzdem beginnt über Namen wie „Schumacher“ und „Volkswagen“ eine Kommunikation mit dem Publikum. Zu viert führen Luz de Luna eine Performance auf, bei der sie irgendwann die Stelzen abnehmen und sie in verschiedenen Funktionen präsentieren: als Machete, als Feuerstelle, als Gewehr. Bis zwei als Möwen kostümierte Spieler:innen – ein Zeichen für Hamburg? – ihnen kreischend die Umhänge vom Körper reißen. 

Der Weg zur dritten Station, dem Club „Hafenklang“ an der Großen Elbstraße,  führt vorbei an einer (gespielten) Demonstration. „Coka ist nicht Kokain!“ skandieren die Kolumbianer:innen und verweisen einmal mehr darauf, dass es sich bei Coka um eine Heilpflanze handelt, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts erst in Deutschland das Rauschgift gewonnen wurde. Am Eingang zum“Hafenklang“ werden die Kohlestücke (jede:r hatte sie in einem Plastiktütchen verstauen können) eingesammelt, aber echtes Kokain gibt es jetzt nicht. Dafür aber eine Vorstellung von wirvier und Luz de Luna mit Tanz und Rap („Proteine“) zur Nutzung der Droge und ein abschließender, immer leidenschaftlicher werdender Song auf Spanisch und Deutsch gleichzeitig. Einmal mehr ist in diesem Moment zu erkennen, mit wie viel Herzblut und Engagement dieser Abend gestaltet worden ist. Dass er beim Publikum ankommt, beweisen die sechs ausverkauften Vorstellungen (inklusive einer Extra-Vorstellung). Wer Geduld und Zeit hat, kann versuchen, noch in der Warteschlange ein Ticket für den 26. oder 27. August zu ergattern.

Ansonsten heißt es warten. Wirvier planen bereits die Fortsetzung für eine Performance im Hafen, dann allerdings ohne Luz de Luna.  

Weitere Informationen unter: https://www.lichthof-theater.de/programm/kohks-2/

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