Das Gesicht

Da sieht jemand so aus wie der Präsident und – schwupp!- muss er auch schon als Double für einen heiklen Auftritt herhalten. Darauf ließe sich eine gute Komödie aufbauen. Dass das nicht immer gelingt, zeigt „Das Gesicht“ von Siegfried Lenz im Altonaer Theater. 

Das ist der echte Präsident (Herbert Schöberl). Foto: G2 Baraniak

Die Kritik

Keine Frage, Siegfried Lenz ist ein großer Erzähler, und Axel Schneider ist ein bekennender Fan des Schriftstellers. Dessen hundertsten Geburtstag hat er unter dem Titel „Lenz auf die Bühne“ mit einer Reihe von Veranstaltungen gewürdigt, alle vier der von ihm geleiteten Hamburger Theatern waren und sind noch dabei. Lesungen, Romanadaptionen und Theaterstücke sind Teil des vor anderthalb Jahren begonnenen Projekts, auch die Komödie „Das Gesicht“. Am 8. November 2024 hatte sie in der Regie von Georg Münzel bereits Premiere am Harburger Theater, jetzt ist sie am Altonaer Theater zu sehen, wieder als Premiere deklariert. Statt zwei Stunden und zwanzig Minuten dauert sie nur noch zwei Stunden (inkl. Pause), ein paar angestrengte Bezüge zu aktuellen Ereignissen sind dazu gekommen. 

Worum geht es? Der Friseur Bruno Deutz, ein Durchschnittstyp, wird wegen seiner frappierenden Ähnlichkeit zum Präsidenten gezwungen, dessen Rolle bei einer Parade zu übernehmen, bei der ein Attentat auf den Autokraten geplant ist. Bruno hat keine Chance sich zu wehren. In seiner Jugend gehörte er wie sein Freund Josef der radikalen Opposition an. Josef, der dafür im Gefängnis saß, wird im Zuge einer Generalamnestie begnadigt und will bei Bruno und dessen Frau Hanna, seiner Jugendliebe, vorerst unterkommen. Ausgerechnet am Tag seiner erwarteten Ankunft muss Bruno nun den Präsidenten spielen. Die Rolle gefällt ihm so gut, dass er darüber selbst zum Tyrannen wird.

Das Spiel ist bei beinahe allen übertrieben, aber eben noch lange nicht schrill.

Eigentlich kein schlechtes Thema, aber es wird weder vom Stück noch von der Inszenierung konsequent und pointiert erzählt. Die Geschichten um Josef, die Opposition, die Jugendliebe und die Ehe von Hanna und Bruno werden irgendwie in die des Rollentausches eingeflochten, lassen aber vieles im Unklaren. Georg Münzel, durchaus ein versierter Regisseur, versucht das Ganze als schrille Karikatur zu inszenieren. Die Figuren tragen lilafarbene oder grüne Perücken, Präsident (Herbert Schöberl) und Bruno (Kai Hufnagel) Kaiser-Wilhelm-Schnurrbärte und orangene Uniformen, Sekretärin Oppermann (Isabella Ginocchio) himmelhohe Highheels und hautengen Minirock (Kostüme: Volker Deutschmann). Das Spiel ist bei beinahe allen übertrieben, aber eben noch lange nicht wirklich schrill: Sekretärin, Hanna (Sina-Maria Gerhardt) und Präsidentenmutter (Heidi Züger) stolzieren hüftschwenkend über die Bühne, ausladende Theatergesten, Augenrollen oder Stolpern gehört bei allen mit dazu. Zurückhaltender sind allenfalls Alexander Klages als Ewald und Jacques Ullrich als Minister. Die Bühne von Birgit Voß verweist überdeutlich auf diktatorische Herrscher: Eine drehbare, braunrot gestrichene Wand zeigt entweder den Frisörsalon (mit Türen, Fenstern und zwei hochfahrbaren Stühlen) oder mit Kamin, langem Putin-Gedächtnis-Tisch und dem Konterfei des Präsidenten dessen Palais. Links und rechts der Bühne erinnern Säulen, das Porträt des Präsidenten in Uniform und der Stern darunter an Stalin. Damit auch jede und jeder begreift, welchen aktuellen Tyrannen diese Inszenierung meint, muss sich Hufnagel bei dem versuchten Attentat ans Ohr greifen, die Faust nach oben recken und ständig einen Golfschläger bei sich tragen. Popsongs wie „Connected“ von Stereo MC’s oder „Relax“ von Frankie Goes To Hollywood stehen seltsam beziehungslos neben der Geschichte.

Ein vergurkter Abend, der die Frage aufwirft, ob man „Das Gesicht“ tatsächlich noch einmal zeigen muss. Immerhin wurde durchaus gelacht bei der Premiere im Altonaer Theater .

Weitere Informationen unter: https://www.altonaer-theater.de/programm/das-gesicht/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert