Jedem seine Gala. Ob Sport, Film, Musik, Unternehmen – wer kann, krönt damit Abschluss oder Auftakt von Ereignissen. Auch das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel endet am Wochenende, und zwar mit einer Gala. Die sieht allerdings in Christoph Marthalers „Erste letzte Sekunde “ ein bisschen anders aus – und unterhält das Publikum dafür umso prächtiger.

Die Kritik
Der Anfang unterläuft schon mal alle eingefahrenen Erwartungen. Der Musiker und Theatermacher Christoph Sienknecht, mit Backstage-Ausweis und Käppi als „Team“-Mitglied gekennzeichnet, erklärt, dass er keine Absagen und Ausfälle ankündigen wird. Statt dessen erläutert er – von Sienknecht immer mit heiligem Ernst vorgetragen und damit umso lustiger -, wie das Publikum bei der folgenden Show zu der so notwendigen „energetischen Stimmung“ beitragen kann: Und zwar mit ungebremstem Lachen, lauten Weinen oder freudigem Arme schwenken, je nach Situation und eigenem Gusto. Was hier gleich passieren wird, ist eine Gala der besonderen Art. Christoph Marthaler hat sich zusammen mit dem Dramaturgen Malte Ubenauf für das Finale des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel einen Abend ausgedacht, der das Thema „Gala“ überspitzt, persifliert und in seiner ganzen Aufgeblasenheit und Wichtigtuerei auf die Schippe nimmt.
Manchmal könnte man sich krank lachen.
Für die k6 hat ihm Duri Bischoff eine beinahe fernsehtaugliche Bühne gebaut: Rechts sitzen die Symphoniker Hamburg, auf der gegenüberliegenden Seite finden sich Schlagzeug, Flügel und und Gitarre, dazwischen eine weiße Show-Treppe, von der hinteren Wand hängt schief ein glitzernder Vorhang. Die Galagesellschaft, allesamt Marthaler-erfahrene Performer:innen, betritt die Bühne, die meisten in Abendrobe, der Schauspieler Ueli Jäggi mit spitzen Schlangenlederschuhen, zu buntem Anzug und blonder Perücke im Thomas-Gottschalk-Stil (Kostüme: Sara Kittelmann). Händels „Endless Pleasure, Endless Love“ singen sie, begleitet von den Symphonikern unter der Leitung von Sylvain Cambreling. Der ist ein langjähriger Wegbegleiter Marthalers und zusammen mit Sienknecht verantwortlich für die Arrangements und Bearbeitungen der Musikstücke von Händel, Mozart, Elton John oder Dolly Parton. Und dann geht es los. Schlag auf Schlag mit einem für Marthaler-Inszenierungen ungewöhnlichem Tempo. Eine Begrüßung („Begrüßen Sie mit mir…“), Laudatio und Verleihung folgt auf die nächste, die Moderatoren wechseln, die Preisträger mit unbedeutenden Allerweltsnamen und der Preis für absurde Disziplinen aber kaum. Der steckt in einer großen Tasche, den Liliana Benini mit eingemeißeltem Lächeln jedesmal herausholt und tapfer vor sich hält. Bei den langen, oft in fremden Sprachen gehaltenen Reden droht sie wegzunicken, wird aber mit einem Stupser wieder zur Raison gebracht.. Preisträger für jedwede Angelegenheit ist fast immer Ueli Jäggi, der jedesmal das oscartaugliche „Oh My God!!“- Gebaren darstellt.
Der Abend stellt die Schwächen von Galas aus: ihre Langatmigkeit, die einfallslose Wiederholung der Abläufe, die Interviews, in denen der oder die Gefragte nicht zu Wort kommt, die lahmen Witze. Wie ermüdend das alles sein kann, unterstreicht der Tänzer Sebastian Zuber, indem er manchmal einfach die Treppe herunterfällt oder seinen Kopf in den Sessel steckt. 120 Minuten lang geht das so. Manchmal könnte man sich krank lachen (allerdings nicht alle, einige scheint der Abend gar nicht zu erreichen), und doch hängt auch diese Show an einigen Stellen durch. Was aber nicht schlimm ist, so sind nunmal die Galas. Es zählt das diebische Vergnügen von Marthaler, seinem Ensemble und dem Orchester. Insofern ist dieser Abend ein großer, nur manchmal etwas zu langer Spaß.
Weitere Vorstellungen noch bis zum 23. August.
Weitere Informationen unter: https://kampnagel.de/produktionen/christoph-marthaler-erste-letzte-sekunde-eine-gala