Irresistible Revolution

„Hope!“ lautet das Motto des diesjährigen internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel. Hoffnung – das bedeutet hier nicht, abwartend die Hände in den Schoß zu legen, sondern voller Freude, Zuversicht und Energie zu handeln und zu leben. Bester Beweis dafür ist die Deutschlandpremiere von Ayelen Parolins mitreißender, lebensbejahender Tanzproduktion „Irresistible Revolution“. 

Kontrolle und Kontrollverlust im Tanz (Ensemble von „Irresistible Revolution“) – Foto: Stanislav Dobak

Die Kritik

Eine Frau in kurzem Röckchen lugt schüchtern aus der hinteren Bühnenecke. An ihrer Hand eine weitere Person, die wiederum jemand anderen festhält. Wie im Kindergarten oder wie sehr furchtsame Menschen betreten die sieben Tänzer und fünf Tänzerinnen an den Händen gefasst die leere weiße Fläche auf Kampnagels größter Bühne, der k6. Schüchtern blicken einige von ihnen in Richtung Publikum, andere eher trotzig, wieder andere erwartungsvoll. Jede und jeder summt eine eigene Melodie oder nur ein paar Töne vor sich hin, so dass ein eigentümlicher Sound entsteht, der das Individuelle zu einem großen Ganzen verwebt. Diesen irgendwie uneitel wirkenden Tänzer*innen in Turnschuhen und in bunte Alltagskostüme gekleidet (Kostümbild: Marie-Hélène Balau),  könnte man so auch auf der Straße begegnen. 

Genau um dieses Unartifizielle geht es der argentinischen Choreografin Ayelen Parolin in „Irresistible Revolution“, mit dem das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel am 5. August eröffnete. Nicht „die akademische Art, wie wir Tanz lernen“ interessiert sie, wie sie im Programmheft erklärt, sondern die Freude und die Liebe am Tanzen, was letztlich eine Art von Revolte bedeutet. Es geht ihr nicht darum, etwas Unfertiges zu verbergen, sondern es in die Arbeit mit hineinzunehmen. Das Ängstliche, das Scheitern, das Posen – all das zeigt ihre Truppe. Inspiriert ist die Arbeit durch die Murga-Tänze im argentinischen Karneval, in denen die Bewegungen scheinbar unkontrolliert sind  und dennoch einer gewissen Kontrolle unterliegen. 

Auf der Bühne löst sich die anfängliche Reihe auf, jede Tänzerin, jeder Tänzer beginnt sich individuell zu bewegen. Die rhythmischen,  an Techno erinnernde Musik von Benoist Esté Bouvot geht in die einzelnen Körper über, bestimmt das Zucken, das Kriechen, die Sprünge. So entsteht eine Art Wimmelbild, dessen Einzelfiguren ein Ganzes erzeugen. Gruppen- und Paarformationen entstehen, liebevolle Begegnungen, elegante Paartänze oder durch laute Schreie unterstützte Kämpfe. Rotes Licht und das Anschwellen der durch eine Orgel unterstützten Musik steigern den Tanz an diesem 55minütigen Abend bis hin zur Entladung. Dann wird es wieder still. Blicke werden getauscht und man beginnt zu summen, immer lauter und findet so zu einem gemeinsamen Lied. Kraftvoll, fröhlich, zuversichtlich. So kann Hoffnung aussehen.

Irresistible Revolution ist noch bis zum 8. August auf Kampnagel zu sehen. Weitere Informationen unter: https://kampnagel.de/produktionen/ayelen-parolin

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