„Ich bin der Staat.“ Diese Selbsteinschätzung teilen spätestens seit Ludwig XIV alle Autokraten. Als Zentrum, um das alles andere kreist, haben sie sogar die eigene Vergänglichkeit im Griff. Meinen sie. Tatsächlich? „Der König stirbt“ lautet der Titel von Eugene Ionescos Stück, das Jessica Weisskirchen in der BOX vom Thalia in der Gaußstraße mit einem überzeugenden Ensemble inszeniert hat.

Die Kritik
Übergroße goldene Bauklötze sind zu einer Art Thron gestapelt, auf der Spitze liegt einsam eine Krone. In der BOX vom Thalia in der Gaußstraße verlegen Jessica Weisskirchen und ihre Ausstatterin Wanda Traub die Inszenierung von „Der König stirbt“ in ein stilisiertes Kinderzimmer, das Publikum sitzt rechts und links der Bühne, also sehr dicht am Geschehen. In den folgenden 90 Minuten wird es einen eigensinnigen, von sich und der eigenen Macht besoffenen Herrscher sehen, der ungezogen wie ein Kind die Wirklichkeit leugnet. Und die lautet: Der König stirbt.
Eugène Ionescos 1962 uraufgeführtes Stück gehört zum absurden Theater, einer Strömung, die die klassische Form des Theaters auflöst und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz thematisiert. Die Zeit ist aus den Fugen, der König hat kein Land und kein Volk mehr, seine Tage sind gezählt. In messbarer Zeit, die ein Diener herunterzählt, wird er sterben.
„Ich sterbe, wenn ich es will.“
Aber er will natürlich nicht. Wie ein Kind lehnt er sich in Weisskirchens Inszenierung gegen das Unvermeidliche auf. „Ich sterbe, wenn ich es will“, lässt Tim Porath als König die Umstehenden wissen. Das sind nur noch seine beiden Frauen und die Dienerin, denn ein Volk hat er schon lange nicht mehr. Aber das sieht er nicht oder will es nicht sehen. „Wow! So viele Menschen heute!“, staunt er, als er die Szene betritt. Alle seien sie gekommen, um seine Rede zu hören und „gemeinsam das Land größer und stärker zu machen.“ In goldgelbem Anzug mit ausladenden Schulterpolstern und einem goldenen Wanst vor dem Bauch stolziert er in Richtung Krone und setzt sie sich genüsslich auf, muss sich dann aber doch hinlegen, weil seine Gesundheit angeschlagen ist. Pflichtschuldig ruft seine Dienerin (Pauline Rénevier): „Lang lebe der König!“. Seine erste Frau (Moné Sharifi) sieht das Ganze dagegen etwas nüchterner: „Wir müssen Ihnen mitteilen, dass Sie sterben“, sagt sie ungerührt. Mit ihrer klaren Sicht bringt sie regelmäßig die zweite, nah am Wasser gebaute Frau des Königs (Patrick Bimazubute) zum Heulen, denn die möchte lieber dessen realitätsfremder Sichtweise folgen und denken, dass er über dem (Natur-)Gesetz steht. Sein stetes „Ich! Ich! Ich!“ nützt ihm jedoch irgendwann nicht mehr. Das Ablegen des Anzugs und die Reduktion auf die Unterwäsche sind ebenso wie das ständige Fallen und Einschlafen Zeichen seines Siechtums. Am Ende stirbt er tatsächlich. Die Frauen und die Dienerin werfen Erde auf seinen Körper, aus goldenen Säcken selbstverständlich.
Konsequent vermeidet Weisskirchen in ihrer Inszenierung jede Art von Realismus. Die Figuren verharren in Posen, ihre Bewegungen sind stilisiert, manchmal statisch, dann wieder tänzerisch (Choreografie: Michael Bronczkowski). Die Anspielungen auf aktuelle Autokraten sind tatsächlich diskreter als vermutet. Ionescos König verhält sich nämlich nicht anders als der Möchte-gern-König im Weißen Haus. Es geht bei Ionesco und in Weisskirchens Umsetzung um das Festklammern an der Macht und die Leugnung der Wirklichkeit. Aber es geht auch um die Vergänglichkeit, denn der König stirbt. Die Geschichte lehrt, dass irgendwann ein neuer dieser Art auftaucht. Aber erst einmal ist Schluss und man wird ja noch träumen dürfen.
Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/der-konig-stirbt/298
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Alleinherrschaft und Selbstherrlichkeit
- Festklammern an der Macht
- Leugnen der Wirklichkeit
- Leugnen der eigenen Vergänglichkeit
Formale SchwerpunKte
Stilisierung (Bühnenbild, Kostüme, Bewegungen der Figuren)
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12
- Möglich für den Geschichts-, Französisch- und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Die Tage des Königs sind gezählt, er wird bald sterben. Obwohl er merklich abbaut, leugnet er diese Wirklichkeit. Statt dessen prahlt er mit seinen Erfolgen, seinem Reichtum seinen Errungenschaften für das Volk. Nur das gibt es schon längst nicht mehr. Die meisten haben das Land verlassen, dessen Wirtschaft am Boden ist. Übrig sind noch seine erste und die zweite Frau sowie seine Dienerin. Sie begleiten sein unvermeidliches Sterben jede auf ihre Weise.
Mögliche Vorbereitungen
Recherche zu folgenden Themen:
- Eugène Ionesco: Der König stirbt (als Teil der Behringer-Trilogie)
- Absurdes Theater (im Unterschied zum klassischen Theater)
Speziell für den Theaterunterricht
Übungen
Den König/die Königin stürzen (auch: Ochs vorm Berg)
Eine Person aus der Gruppe (der König/die Königin) steht mit dem Rücken zur restlichen Gruppe, die sich in einer Reihe (alle auf einer Linie) in größtmöglichem Abstand hinter ihr aufgereiht haben. Jede:r aus der Gruppe versucht, sich dem König/der Königin zu nähern, um ihn/sie zu stürzen. Dreht sich der König/die Königin zur Gruppe um, bleiben alle im Freese stehen. Bewegt sich jemand, muss er/sie zurück auf die Grundlinie. Wenn der König/ die Königin der Gruppe wieder den Rücken zuwendet, können deren Mitglieder weiter gehen, bis eine:r den König/die Königin berührt und ablöst.
Nicht den Boden berühren
Die Spielleitung bestimmt einen König/eine Königin und zwei dienende Personen, die ihn/sie an den Händen halten. Alle anderen aus der Gruppe kauern sich auf den Knien und mit den Armen um den Kopf auf den Boden und bilden einen Weg, auf dem der König/ die Königin auf deren Rücken zu ihrem Ziel schreiten kann, ohne den Boden zu berühren. Achtung! Auf Schultern oder Po treten, nicht auf den Rücken