Das Bildnis des Dorian Gray

Die Sehnsucht nach ewiger Jugend und Schönheit, die Angst vor dem Alter und dem körperlichen Verfall – das gibt es nicht erst seit heute. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hat Oscar Wilde das Problem in seinem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ thematisiert. Der junge Regisseur Tristan Linder macht daraus im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses einen furiosen, wilden und mitreißenden Trip zwischen Illusion und Wirklichkeit.

Verloren im Hedonismus: Dorian Gray (Christoph Jöde) – Foto: Julia Sang Nguyen

Die Kritik

Die Bühne des Malersaals ist mit einem hellen, gebauschten Vorhang im Wolkenstore-Stil verhängt. Davor steht ein Mann mit Zopf, kleiner Brille und einem Mantel, der ihn deutlich als Figur des 19. Jahrhunderte ausweist. Noch während das Publikum seine Plätze einnimmt, macht er kleine Gesten in Richtung Sitzreihen, als ob er im Geiste etwas anordnen oder korrigieren möchte. Bald stellt sich heraus, dass es sich bei dem Mann um  den Maler Basil Hallward (Yorck Dippe) handelt. Als sein Freund Lord Henry Wotton (Christiane von Poelnitz) dazu kommt, wird klar, dass die Korrekturen einem Bild gelten. „Deine beste Arbeit“, wie Lord Henry nüchtern feststellt. Es zeigt den jungen Dorian Gray (Christoph Jöde), und der sitzt mitten im Publikum und ist damit einer von uns. Anders als Basil und Henry verorten ihn Baseball-Cap und ein T-Shirt der britischen Punk-Band Lobster eindeutig in der Gegenwart (Kostüme: Lena Rickenstorf). Damit schafft Regisseur Tristan Linder bereits die Konfrontation oder vielleicht besser: die Vermischung von Wirklichkeit und Illusion, denn auch die Kostüme von Basil und Henry tragen hinten einen deutlich sichtbaren Aufkleber mit Nummer und Namen der beiden Schauspielenden. 

Was ist Spiel, was Vorstellung, was Wirklichkeit? Basil will seine beste Arbeit nicht ausstellen, weil „zu viel von mir selbst“ darin ist. Henry, bei von Poelnitz pragmatisch, überlegen und trocken, hat sich schon länger mit dem Altern auseinandergesetzt und propagiert daher auch Dorian gegenüber Hedonismus. Nach einem Blick auf sein Porträt erkennt Dorian seine Schönheit und wünscht sich nun, dass nicht er, sondern das Bild altern soll. Damit beginnt ein irrer Trip, der ihn, verleitet durch Henry,  in die Welt des Theaters, in die Hemmungslosigkeit, den Verlust von jeglicher Moral und schließlich in den Wahnsinn führt. 

Linder geht unerschrocken und frisch an diese gerade einmal 90minütige pausenlose Inszenierung.

Die zeigt sich, nachdem Basil den Vorhang heruntergerissen hat: Die Bühne  (Anna Satu Kaunisto) ist wie ein riesiges Bild in Gold gerahmt. Was sich hier abspielt, ist Illusion, Theater, Kunst. Dorian verliebt sich in die mäßig begabte Schauspielerin Sybil Vane (Henni Jörissen) – was Basil mit „Purple Rain“ von Prince besingt -, will sie heiraten, aber Ihre Mutter und  Bruder James sind dagegen. Jörissen, indem sie ihren Schleier an- und ablegt, spielt vor den Augen des staunenden Dorian einen wilden Streit zwischen allen dreien, den sie mit dem Vorschlag beendet: „Komm, Dorian, ich geb einen aus.“

Linder mischt Alltagssprache und Anspielungen auf Pop-Kultur in die Handlung und zieht damit die Verbindung zu heute. Das Ensemble wechselt von Erzählpassagen zu Dialogen und Spiel, die Figur des Dorian doppelt sich im Porträt durch Jörissen, die wie Jöde ebenfalls mal den Holzrahmen trägt. Nachdem ihre Sybil Selbstmord begangen hat, wird sie in der gleichen Kleidung und mit bröckeliger weißer Schminke zu Dorians Konterfei. Ein Bild, das Veränderungen und grausamere Züge aufweist wird zum Spiegel seiner Seele. Dorian will davon nichts wissen, verbannt das Porträt und widmet sich immer exzessiver dem Genuss und der Selbstentfaltung. Massenweise Rollcontainer mit Flaschen, Käseleibern, Blumen, Schaufensterpuppen oder Kleidung fluten die Bühne, Gray verliert jegliche Hemmungen, schreit immer nur „Mehr!“, ist nicht mehr zu bremsen. Erst spät erkennt er, dass das weiß geschminkte Porträt seine Grausamkeiten und fehlende Moral widerspiegelt. Es zeigt, „was du aus deinem Leben gemacht hast.“ 

Linder geht unerschrocken und frisch an diese gerade einmal 90minütige pausenlose Inszenierung. Schon während seines Studiums an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg wurden die Arbeiten des heute 29jährigen Regisseurs zu verschiedenen Gastspielen eingeladen, seine Abschlussproduktion „Sandmann“ wurde 2025 mit dem Körber-Preis ausgezeichnet. Mit „Das Bildnis des Dorian Gray“, seiner ersten Inszenierung am Schauspielhaus, hat er sich eine Visitenkarte geschaffen, die sich sehen lassen kann.

Weitere Informationen unter:

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Hemmungslose Selbstentfaltung
  • Angst vor Verfall
  • Sehnsucht nach ewiger Jugend und Schönheit
  • Rolle der Kunst, der Illusion
Formale SchwerpunKte
  • Wechsel von Erzählpassagen und Dialogen
  • Mischung gegenwärtiger und historischer Kostüme
  • Verwendung von Alltagssprache 
  • Anspielungen auf Pop-Kultur
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
  • Ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12
  • Empfohlen für interessierte (!) Schüler:innen des Englisch- und Theaterunterrichts
Zum Inhalt

Auf einem Fest hat der Maler Basil Hallward den jungen Dorian Gray gesehen. Er porträtiert den jungen schönen Mann, will das Bild aber nicht ausstellen, weil er zu viel von sich selbst hineingebracht hat. Sein Freund Lord Henry  Wotton, der selbst mit dem Altern hadert und hemmungslosen Hedonismus propagiert, rät Dorian, niemals seine Schönheit zu verlieren. Nach einem Blick auf sein Bild will Dorian, dass nicht er, sondern stattdessen das Porträt altert. Das geschieht auch tatsächlich. Das Bild altert und weist Spuren seiner Sünden auf. Dorian verliert jede Kontrolle, wird immer maßloser und grausamer, bleibt aber jung und schön. Am Ende ersticht er nicht nur den Maler, sondern auch sein eigenes, zur Fratze gewordenes Bild.

Mögliche Vorbereitungen

Recherche zu

  • Oscar Wilde: Leben und Werk
  • Oscar Wilde. Das Bildnis des Dorian Gray (Inhalt)
  • Bilder von Jugend und Schönheit (u.a. in den sozialen Medien) und ihre Wirkung
Im Unterrichtsgespräch
  • Welche Rolle spielen Jugend und Schönheit in unserer Gesellschaft
  • Welche Konsequenzen hat das für den Einzelnen?

 

Speziell für den Theaterunterricht
Steigerungen

Die Spielleitung teilt Vierergruppen ein. Die Spieler:innen sitzen in einer Reihe.

Aufgabe:

Sucht euch ein Gefühl (Grausamkeit, Freude, Trauer, o.ä.), das ihr vorn Spielerin 1 bis 4 in eurer Mimik und Körperhaltung  von kaum merkbar zu exzessiver Übertreibung steigert. 

Präsentation und Feedback 

Bilder ergänzen 

Die Spielleitung teil den Kurs in zwei gleich große Gruppen A und B. Raumlauf, die Gruppe A bleibt beim Stopp der Musik in einer extremen Pose (jeder für sich) stehen, B geht herum und ergänzt das Bild. Jetzt geht A herum und ergänzt B. Zuerst nur jeweils einen Partner, später auch mehrere Figuren, so dass Einzelne übrig bleiben.

 Figuren bauen

Die Spieler:innen  stellen sich paarweise gegenüber. A-Spieler:in verliert jede Spannung, Oberkörper fällt nach vorne. B- Spieler:in  richtet ihn/sie  langsam Wirbel für Wirbel auf, führt die Arme zu bestimmten Positionen, den Kopf, die Beine, bis die Figur fertig ist. 

Dann geht A“ herum, betrachtet  sich die Figuren, bleiben auf Impuls der SL vor einer Figur stehen, ergänzt die  Figur und fällt ohne Spannung nach vorne und B  baut daraus eine Figur. 

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