Peter und der Wolf von St. Pauli

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und das Schmidt Theater stellen eine gemeinsame Produktion auf die Beine. „Peter und der Wolf von St. Pauli“ – Prokofjew und Kiez, kann das funktionieren? Und wie! Vier ausverkaufte Vorstellungen und begeisterter Jubel in Schmidts Tivoli sind der Beweis.

Erzählen die Geschichte des Auftragskillers Pinzner: v. li: Autor Axel Brüggemann als Polizist, Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber und Carolin Spieß als Jutta Pinzner – Foto: Morris Mac Matzen/SCHMIDT’S TIVOLI

Die Kritik

Leuchtreklamen werben für Tabledance, das Casino, Astra-Bier oder „die kleinsten Würstchen von St. Pauli“, rechts ist die Josef-Kirche an der Großen Freiheit angedeutet. Das ist das Bühnenbild zu „Heiße Ecke“, dem Dauerbrenner in Schmidts Tivoli, von mehr als drei Millionen Besucher:innen geliebt, weil: Mehr Hamburg geht einfach nicht. In diese Kulisse haben sie jetzt „Peter und der Wolf von St. Pauli“ gesetzt. Eine sinnvolle Entscheidung, denn auch bei dieser Produktion handelt es sich um eine Hamburger Geschichte. Eine unrühmliche allerdings, eine aus dem Rotlichtmilieu der 80er-Jahre, als der Kiez von Gewalt, Drogen und Aids dominiert war. „ St. Pauli war in Blut getaucht. Die Angst ging um im Milieu. Niemand traute niemandem“, wird später Axel Brüggemann als Polizist vorlesen. Mitten drin in diesem Sumpf der Auftragsmörder Werner „Mucki“ Pinzner.

„Mensch Mucki, den Himmel gibt es gar nicht, wenn man tot ist.“

Omer Meir Wellber, Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Hamburgischen Staatsoper, Martin Lingnau, künstlerischer Leiter der drei Schmidt-Bühnen, und der Journalist Axel Brüggemann haben aus Originaldokumenten und Zeugenaussagen Pinzners Geschichte destilliert und sie mit der Musik von  Prokofjews „Peter und der Wolf“ verknüpft. Das auf 22 Musiker:innen reduzierte Philharmonische Orchester tritt ganz im Sinne des für diese Kooperation ausgegebenen Mottos „Frack off“ in privater Kleidung auf und ordnet sich im „Heiße-Ecke“-Bühnenbild ein. Rechts und links neben dem Dirigenten sitzen Brüggemann als Polizist und Carolin Spieß als Pinzners zweite Ehefrau Jutta. Der Dirigent hebt die Hände und – vom Band wird Santanas „Samba Pa Ti“ gespielt, das Lieblingslied der Pinzners, das bei ihrer Beerdigung gespielt werden sollte. „Mensch Mucki, den Himmel gibt es gar nicht, wenn man tot ist. Und wenn man lebt, auch nicht“, stellt Carolin Spieß als Jutta erstaunt und desillusioniert fest. 

Jutta ist bereits tot. Erschossen von ihrem Ehemann im Verhörraum, genau wie Staatsanwalt Bisky und Pinzner selbst. Aus der Rückschau erzählt Jutta, welche Bedeutung Pinzner für sie hatte und wie sich sein Verhalten auf sie ausgewirkt hat. Spieß zeigt Juttas grenzenlose Naivität, ihre Hörigkeit, ihr Vertrauen in diesen Mann und ja, auch ihre Beschränktheit. Sie glaubt fest daran, dass er sie trotz der vielen anderen Frauen geliebt hat und kann immer noch nicht das Ende fassen: „Du hast wirklich abgedrückt, Mucki“, sagt sie. Etwas schief singt sie Nino de Angelos „Jenseits von Eden“, mit allen Strophen wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum. „What’s love got to do with it“ spielt das Orchester als einen Teil des Pop-Medleys. Wer sich an Tina Turners Song erinnert, wird wissen, dass darin die Zeile vorkommt „Who needs a heart, when a heart can be broken“ – und genau das erfährt Jutta. 

Das Monströse dieses Mörders wird vor allem durch Spieß‘ anrührend gespielte Jutta deutlich.

Bei Prokofjew trifft das Unschuldige, Gutgläubige (Peter) auf das Mörderische, Böse (Wolf). Juttas Naivität trifft in „Peter und der Wolf von St. Pauli“ auf Pinzners Kaltblütigkeit. Dem Killer wird an diesem gut 90minütigen Abend (inkl. Pause) kein Denkmal gesetzt. Er erhält keine Plattform. Nüchtern verliest Brüggemann chronologisch die Akten, ohne zu werten. Das Monströse dieses Mörders wird vor allem durch Spieß’ anrührend gespielte Jutta deutlich. Der langsame Satz von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ unterlegt die Darstellung der Morde. Pinzners Geschichte  ist „alles andere als eine Heldengeschichte“, sagt der Polizist. Aber „Peter und der Wolf von St. Pauli“ ist eine eine sehenswerte, gelungene Produktion. Die Zusammenarbeit zwischen Philharmonischem Staatsorchester und Schmidt Theater schreit nach Fortsetzung.   

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