Die Schönen und das Biest

Sie ähneln einander in ihren Erscheinungen, ihren Bewegungen, ihren Begrüßungsritualen.   Die Komfortzone ist perfekt. Bis plötzlich jemand auftritt, der ganz anders ist. In „Die Schönen und das Biest“ hinterfragt Ceren Oran im Jungen Schauspielhaus spielerisch die Macht der Schönheitsideale.  

Komischer Typ- sieht so ganz anders aus.(v. li:Silvio Kretschmer, Parsa Yaghoubi Pour, Victoria Kraft) – Foto: Kerstin Schomburg

Die Kritik

Es gibt ja immer etwas zu verbessern am eigenen Äußeren: Die Haare nochmal kämmen oder vielleicht doch lieber die goldenen Plateauschuhe statt der Sneakers anziehen. Man bespiegelt sich, korrigiert, bespiegelt sich erneut und geht erst dann aus dem Haus. Hinaus in eine Öffentlichkeit, in der das Erscheinungsbild offenbar wichtiger ist als der eigentliche Mensch.

Die Choreografin und Regisseurin Ceren Oran hat sich im Jungen Schauspielhaus mit dem Diktat von Schönheitsidealen auseinandergesetzt. Ihr Tanztheaterstück „Die Schönen und das Biest“ verzichtet auf Sprache und charakterisiert die Figuren allein über Bewegungen, manchmal auch über eine Art von Zeichensprache. Begleitet werden sie von der an Animationsfilme erinnernden Musik des österreichischen Jazzmusikers Benny Omerzell. Sigrid Wurzinger zeichnet mit der Gestaltung von Bühne, Kostümen und Masken eine bilderbuchartige Welt, die das Geschehen in die für die Reflexion notwendige Distanz rückt: Drei geometrische, futuristisch anmutende Elemente dienen mit Sitzpolster, Spiegel und Kleidungsstücken als Wohnräume der Figuren, drei weitere bewegliche Elemente mit zwei Wänden (davon eine verspiegelt) sind Einzelzellen oder lassen sich zu einem einzigen Raum zusammenschieben. Ein dunkler Block mit einer Luke und Schiebetüren eröffnet den Figuren eine neue Sichtweise. Denn hier zeigen sich Menschen, die ganz anders aussehen als die Norm. 

Nach und nach legen sie die Masken und Kostüme ab und entdecken ihren tatsächlichen Körper..

Übergroße Masken, die auf relativ kleinen, modisch ausstaffierten Körpern sitzen, zeichnen das allgemein akzeptierte Schönheitsbild. Die so gestaltete Verfremdung vermeidet eine Identifikation, das junge Publikum hat auf diese Weise eher die Möglichkeit, eine kritische Distanz aufzubauen. Anastasia Lara Heller, Victoria Kraft und Silvio Kretschmer verkörpern über Bewegungen diejenigen, die sich als die Schönen begreifen: mit Trippelschritten die Zickige (Kraft), mit dramatisch zurückgeworfenen Blondhaar die Coole (Heller), mit breitbeinigen Posen der Macho (Kretschmer). Wenn sie nach ausgiebigem Bespiegeln das Haus verlassen, werden sie schnell zu einer Einheit mit ritualisierten Begrüßungen und gemeinsamem Tanz. Doch dann taucht plötzlich aus dem dunklen Block jemand aus, der ganz anders aussieht: Parsa Yaghoubi Pour trägt weder Maske noch gestylte Kleidung. Mit seinem ungeschminkten Gesicht, seiner Irgendwie-Frisur und dem Trainingsanzug sieht er aus wie jemand, den man zu kennen glaubt. Normal eben. Freundlich und arglos winkt er den anderen zu, ist bemerkenswert beweglich, kann tanzen und sogar einarmig Radschlagen. Das erschreckt die drei anderen. So einer muss sich gefälligst anpassen. Sie zwingen ihm neue Schuhe, einen überdimensionierten Umhang und eine eilig gebastelte Pappmaske auf – vergebens. Er befreit sich davon, bleibt er selbst. Sein Beispiel macht Schule. Nach und nach legen auch Heller und Kraft wie bei der Häutung einer Schlange ihre riesigen Köpfe und die Kostüme ab, entdecken ihren tatsächlichen Körper und strahlen über ihre neue Körperlichkeit. Kretschmer bleibt als einziger in der alten Maske. Jetzt ist er auf einmal der Außenseiter, das „Biest“, wird jedoch von den anderen mit einer Umarmung aufgenommen. Die Versöhnung beschließt diese einstündige Performance, die Kinder hoffentlich zu Diskussionen anregt.

Weitere Informationen unter: https://junges.schauspielhaus.de/stuecke/die-schoenen-und-das-biest

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Zwang zur Anpassung
  • Selbstbestimmung
  • Erkennen der eigenen Schönheit
Formale SchwerpunKte
  • Tanztheater
  • Verzicht auf Sprache
  • Charakterisierung der Figuren über Bewegungen
  • Verwendung von Masken
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe

Ab 6 Jahre, ab Klasse 1

empfohlen für die Klassenleiter:innenstunde, für den Theaterunterricht

Zum Inhalt

In einer Welt, in der vor allem das perfekte Äußere zählt, erscheint jemand, der ganz anders ist: ungestylt, ungeschminkt und ausgesprochen nett. Eine Anpassung an die Norm verweigert er, bleibt er selbst. Er ist damit viel freier als die anderen, die sich den Zwängen der auf allen Kanälen postulierten Schönheitsidealen unterwerfen. Sein Beispiel macht Schule. Nach und nach befreien sich auch die anderen von diesem Diktat, entdecken ihren eigenen Körper und schaffen es sogar denjenigen aufzunehmen, der noch immer in den alten Mustern verhaftet ist.

Mögliche Vorbereitungen
Aufgabe:

Sucht Titelbilder von Zeitschriften oder Fotos von Werbung heraus und legt sie im Unterricht nebeneinander.

Beschreibt die abgebildeten Personen. Was fällt euch auf? Gibt es Gemeinsamkeiten? 

Gibt es ein Schönheitsideal? 

Was ist, wenn jemand anders aussieht? Wie fühlt sich das für sie/ihn an? Wie gehen die anderen damit um?

 

Speziell für den Theaterunterricht

Die Gruppe geht in neutraler Haltung durch den Raum (nicht im Kreis, jeder sucht sich ein Ziel und nach dessen Erreichen ein neues). 

Die Spielleitung gibt danach vor:

Alle gehen auf Zehenspitzen, halten den Kopf hoch. Die Spielleitung wählt dann eine Person aus, die in ihrer eigenen Gangart durch den Raum geht. Das macht sie so lange, bis sich ihr nach und nach andere Personen anschließen. 

Reflexion: Wie fühlt es sich an, zu der Masse zu gehören? Wie ist es, sich der anderen Person anzuschließen?  

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