Das sagt sich so schnell dahin: Alles klar, alles gut, alles okay. Doch was sagt das tatsächlich über den eigenen Zustand oder gar über größere gesellschaftliche Zusammenhänge? „Ja nichts ist ok“, meinen René Pollesch und Fabian Hinrichs in ihrer letzten gemeinsamen Arbeit. Eine beeindruckende traurig-komische Produktion, die im Rahmen der Lessingtage am Thalia Theater gastierte.

Die Kritik
Am 11. Februar 2024, gut zwei Wochen vor seinem plötzlichen Tod, fand die Uraufführung von „Ja nichts ist ok“ an der Berliner Volksbühne statt. Zwei Wochen später starb René Pollesch völlig unerwartet und mit ihm einer der bahnbrechendsten Theatermacher unserer Zeit. Unzählige Stücke hatte er bis dahin geschrieben und mit seinem jeweiligen Ensemble entwickelt, nur er konnte sie inszenieren. Häufig arbeitete er mit den gleichen Schauspieler*innen, vor allem auch mit Fabian Hinrichs. Mit ihm gemeinsam entstand sein letztes Stück „Ja nichts ist ok“. Ein Vermächtnis, wenn man so will. Auf alle Fälle ein dunkles, dennoch auch komisches Stück, das es ohne Hinrichs nie wieder zur sehen gibt.
Barfuß, in Boxershorts und Unterhemd betritt Fabian Hinrichs seitlich aus dem Zuschauerraum die Bühne. Die ist noch durch eine schwarze Wand verdeckt. Zu hören ist nur ein verzweifeltes „Hilfe! Hilfe!“ und „Sag es! Sag es!“ Erst dann verschwindet die Wand und gibt den Blick frei auf riesige zu Säulen übereinander getürmte Felsbrocken und die Front eines billigen Bungalows mit einem kleinen Pool davor (Bühne: Anna Viebrock). Hinrichs tobt wie wild in dem Pool, kämpft mit einem unsichtbaren Gegner und verletzt seinen Körper absichtlich mit einem Messer – ein rasendes, nasses, verzweifeltes Bündel Mensch. Dann der Bruch. Hinrichs nimmt ein Mikro zur Hand und fragt mit Erzählerstimme, wie das denn alles begonnen hat. Die Bühne dreht und zeigt mit Spanplatten-Wand (die Rückseite der Bungalow-Fassade), Fernseher, Kühlschrank und Klappbetten das Interieur der Wohngemeinschaft, um die es hier gehen soll. Vier Personen leben hier: Paul, Claudia, Stefan und, wie sich erst am Schluss herausstellt, der Erzähler. Mit wenigen Requisiten und dem Wechsel der Positionen spielt Hinrichs alle Mitbewohner. Aber was heißt schon „spielt“?. Hinrichs performt, will ja ganz im Sinne des postdramatischen Theaters keine Rolle wirklich einnehmen, sondern nur zeigen. Er behält also die meiste Zeit über das Mikro in der Hand und versucht gar nicht, Körperhaltung und Stimmlage zu verändern. Für einen Dialog wandert er von einer Stelle zur anderen, – manchmal nur für ein „Ja“ oder „Was?“- , nimmt das entsprechende Requisit, kommt aber manchmal gar nicht so schnell hinterher. Wer gerade spricht, unterstützt zeitweilig auch der Bademantel mit einer karierten linken und einer gestreiften rechten Seite (Kostüme: Tabea Braun).
„Warum will ich immer nur sterben?“
Zunächst geht es scheinbar um typische WG-Probleme wie Aufräumen, Abwaschen oder politische Einstellungen. Die Nachrichten im Fernsehen werden mit dem Vorlesen aus einem Witzebuch für Kinder überdeckt – alles noch lustig, und doch ahnt man die Abgründe dahinter. „Ja, so war das damals in der WG“, sagt Hinrichs nunmehr an der Rampe. Als rückblickender Erzähler reflektiert er die Zeit und sich selbst. Die WG wird als Mikrokosmos zum Spiegel zu der gesellschaftlichen Situation, der inneren Verfassung. Stefan baut aus Paketen eine Mauer, weil er Paul nicht mehr sehen will. Er kann nachts nicht schlafen, hasst alles und fragt sich „Warum gibt es so etwas Idiotisches wie das Leben?“ Waren Polleschs Texte oft überwältigende Wortkaskaden, die die Schauspieler*innen oft nur in Begleitung einer mit auf der Bühne stehenden Souffleuse bewältigen konnten, tun sich in diesem letzten Stück dunkle Löcher auf. Dann herrscht für Sekunden Stille und Hinrichs lauscht seinen Worten nach. „Wenn man liebt, warum wird die Welt nicht besser?“, fragt er. Und: „Warum will ich immer nur sterben?“ Es ist das fehlende Pathos, was diese Reflexionen noch eindringlicher macht. Am Ende, wenn Stefan und Claudia aus der WG in ein Air BnB, den Bungalow, geflohen sind, taucht als Ironie des Schicksals auch Paul wieder auf. Leben ist, wenn man trotzdem lacht.
Weitere Informationen zu den Lessingtagen unter: https://www.thalia-theater.de/de/lessingtage