Die Abweichlerin

Einen Roman auf die Bühne zu bringen, ist eine Kunst. Vor allem, wenn es sich um ein so vielschichtiges, multiperspektivisches Werk wie Tove Ditlevsens „Vilhelms Zimmer“ handelt. Dass daraus ein fantastischer Abend werden kann, zeigt Karin Henkels Bühnenbearbeitung „Die Abweichlerin“ am Deutschen Schauspielhaus. 

Lise und ihre Todesversion (v. li: Lina Beckmann, Liina Magnea) – Foto: Lalo Jodlbauer

Die Kritik

Lises letzter Blick: Nackte weiße Bäume ragen in einen tiefschwarzen Himmel wie auf einem Fotonegativ (Video: Chris Kondek). Es ist die Perspektive eines Menschen, der am Boden liegt. Eines Menschen, der seinem Leben ein Ende macht oder besser: gemacht hat. Denn Lise (Lina Beckmann) erscheint schwarz gekleidet (Kostüme: Teresa Vergho) mit einer Reisetasche und einem dunklen Schlafsack – vielleicht ist es auch ein Leichensack -, den sie hinter sich herzieht, bindet sich ein weißes Tuch mit Löchern für die Augen vors Gesicht und zieht über die Haare ein Kopftuch. Eine Radiostimme aus dem Off gibt die Fahndung nach der Dichterin Tove Ditlevsen bekannt, aber: „Ich war ja schon tot“. Lise „leicht verwechselbar mit der realen Tove Ditlevsen“ gesteht das beinahe augenzwinkernd. Ganz so, als würde sie der Welt mit ihrem Freitod einen Streich spielen. Das Spiel mit der wirklichen und der fiktiven Figur scheint ihr Spaß zu machen.

Tatsächlich gibt es in Karin Henkels Inszenierung von „Die Abweichlerin“ trotz des dunklen Themas Momente von Humor. Momente, in denen Lise sich und die Menschen ihrer Umgebung aus einer ironischen Distanz sieht und man mit ihr lachen kann. Insofern muss niemand fürchten, den knapp zweieinhalbstündigen Abend im Deutschen Schauspielhaus tief deprimiert zu verlassen.

„Das Leben tut weh.“

Allerdings gäbe Lises beziehungsweise Tove Ditlevsens Leben allen Grund dazu. 1917 in einem Kopenhagener Arbeiterviertel geboren, verbrachte sie eine Kindheit in Armut, begann aber bereits mit zwölf Jahren erste Gedichte zu schreiben. Obwohl von ihrer unberechenbaren Mutter und ihrem älteren Bruder dafür bespöttelt, gelang es ihr, später Lyrik und Prosa zu veröffentlichen und zu einer bekannten Dichterin Dänemarks zu werden, die sich jedoch ständig gegen den von Männern beherrschten Literaturbetrieb durchsetzen musste. Seit ihrem zwölften Lebensjahr litt sie unter Psychosen und wurde alkohol- und tablettenabhängig, woran nicht zuletzt eine Abtreibung, kurzlebige Affären und vier gescheiterte Ehen beitrugen. Diese Erfahrungen beschreibt sie in ihrer autofiktionalen „Kopenhagener-Trilogie“, in „Vilhelms Zimmer“, ihrem letzten Roman,  verdichtet sie die Zeit ihrer letzten gescheiterten Ehe mit dem deutlich älteren Verleger Viggo (im Roman Vilhelm) und ihre Suche nach einem Ersatzpartner, den sie in dem Untermieter Kurt zu finden glaubt. Erfüllung bietet er ihr nicht. „Das Leben tut weh“, konstatiert sie als Lise, ihrem Alter Ego. Ditlevsen wechselt in dem Roman von der Ich-Perspektive zur Sicht aus der dritten Person, schlüpft mal die Figur von Kurt, mal in die von Mille, der Frau, mit der Vilhelm jetzt lebt. Figurenrede gibt es kaum, insofern ist eine Bühnenfassung eine echte Herausforderung.

Lieses Ersatzpartner Kurt (v.li: Mirco Kreibich) und ihr Sohn Tom (Daniel Hoevels) – Foto: Lalo Jodlbauer

Die Figuren aus Lises Leben werden wie Requisiten zum Leben erweckt.

Karin Henkel und den beiden Dramaturginnen Finnja Denkewitz und Sybille Meier gelingt jedoch das Kunststück, Lises Geschichte zu einem spannenden Abend zu gestalten. Alles, was sie erzählt, ist Rückblende oder Vision einer Frau, die bereits gestorben und damit unangreifbar ist. Die tote Lise (als deren zarter Spiegel mit Tuchmaske und Kopftuch dargestellt von der Tänzerin Liina Magnea) wird aus dem Schlafsack gezogen, liegt wie eine Puppe im Bett der Psychiatrie oder taucht aus dem dunklen Bühnenraum auf. Die Figuren aus ihrem Leben, Kurt, ihr Sohn Tom, die Haushälterin Frau Andersen oder Vilhelms neue Geliebte Mille, werden von ihr wie Requisiten zum Leben erweckt oder zum Schweigen gebracht, dürfen aber selbst von sich erzählen. Henkel lässt das fantastische Ensemble den Prosatext sprechen und dazu agieren, wodurch die unterschiedlichen Perspektiven des Romans gewahrt bleiben. 

Mirco Kreibichs Kurt ist nicht nur in Vilhelms viel zu groß geratenen Anzügen eine beklagenswerte Gestalt, die nie zu einem gleichwertigen Partner taugen würde. Er hat auch keine Standfestigkeit, was sich im Versagen seiner Beine manifestiert, unterstrichen durch Kreibichs artistische und sehr komische Balance-Akte. Linn Reusses Mille mit knallrotem Mund und bravem Kleid ist eine naive, geschwätzige Frau, frei von jeder Intellektualität und Tom (Daniel Hoevels, auch als Vilhelm) ein lieber Junge, der zur Mutter hält, während Frau Andersen (Matti Krause, auch in anderen Rollen) sich als zu neugierig, zu besserwisserisch erweist. 

So jedenfalls sieht Lise diese Menschen, und aus der Distanz kann sie ihnen Komik und Zärtlichkeit, aber auch Wut entgegenbringen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Fassetten Lina Beckmann zur Verfügung hat. Was diese Schauspielerin aus der Figur herausholt, wie sie ihre Ängste, ihre Sucht, ihre Trunkenheit, ihren Spott und ihren Zorn darstellt, ist anbetungswürdig. Mit ihr wird Lise/Ditlevsen zu einem greifbaren, vielschichtigen Menschen. Was für ein Abend!  

Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/die-abweichlerin

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Todessehnsucht als Akt der Befreiung
  • Reflexion einer tragischen Existenz 
Formale SchwerpunKte

Perspektivwechsel und Distanzierung durch das Sprechen von Prosatexten zur Charakterisierung der einzelnen Figuren u.a. durch die Figuren selbst oder die Protagonistin Lise 

Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe

Da es in der Inszenierung um Todessehnsucht und Rausch als Möglichkeiten der Befreiung geht, sollte ein Theaterbesuch vorher unbedingt darauf hinweisen.

  • Ab 17/18 Jahre, ab Klasse 12
  • Empfohlen für den Deutsch-, Ethik- und Theaterunterricht
Zum Inhalt

Lise ist ein bekannte Schriftstellerin in Dänemark, hat allerdings Zeit ihres Lebens mit dem männerdominierten Literaturbetrieb, den Traumata durch ihre unberechenbare Mutter,  Psychosen, wechselnden Liebhabern und gescheiterten Ehen zu kämpfen. Sie wird drogen- und alkoholabhängig, es folgen wiederkehrende Aufenthalte in der Psychiatrie, nicht zuletzt wegen gescheiterter Suizidversuchen. Lise, Alter Ego der realen Schriftstellerin Tove Ditlevsen, trägt seit jeher eine tiefe Todessehnsucht als Akt der Befreiung in sich. „Es ist unnormal zu leben“, befindet sie und: „Das Leben tut weh.“

Mögliche Vorbereitungen
  • Recherche zu Tove Ditlevsen (Leben und Werk)
  • Lektüre von Tove Ditlevsen: „Vilhelms Zimmer“ 
  • Recherche zur Rezensionen
  • Recherche zum Literaturbetrieb zwischen 1940 und 1975 (Frauenanteil bei Autor:innen, Verleger:innen)
Speziell für den Theaterunterricht

Die Spielleitung teilt Vierer- oder Fünfergruppen ein.

Aufgabe:
  • Erstellt Rollenbiografien zu den Figuren aus der jeweiligen Szenenarbeit. Schreibt in der dritten Person. (z.B.: Karl wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf o.ä.)
  • Alternativ können zu bereits erarbeiteten Szenen Gedanken und Gefühle der Figuren in der dritten Person notiert werden (z.B.: Karl hat Angst. o.ä.)
  • Erstellt eine Szene, in der die Figuren entweder ihre Gedanken und Gefühle oder ihre Rollenbiografie sprechen. Überlegt, wie ihr das gestaltet. (Spielen die Figuren? Bleiben sie im Freeze? Sprechen sie ins Publikum?)

Präsentation und Feedback

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert