Unsere wilden Jahre – As wi wild weern

Geschwisterliebe ist eine fragile Angelegenheit.  Doch wenn man sie pflegt und in der Kindheit Gemeinsamkeiten entdeckt, kann sie spätere Krisen überstehen und zu tiefer Verbundenheit im Erwachsenenalter führen. Davon erzählt „Unsere wilden Jahre – As wi wild weern“ von Charles Way. Die Produktion des Oldenburgischen Staatstheaters gastiert jetzt zwei Wochen lang im Ohnsorg Studio. 

Zelten unten am Fluss (v. li: Sophie Junker, Michel Brandt, Dominik Dittrich) – Foto: Stephan Walz

Die Kritik

Gebeugt, auf einen imaginären Stock gestützt stellen sie sich als alte Bauersleute vor: die Geschwister Liv (Sofie Junker) und Jim (Michael Brandt). Haare in den Ohren hätten sie und Jim sogar in der Nase, kichert Liv und tut so, als zöge sie eines heraus. Immer länger und länger, meterlang scheint es zu sein – und schon sind die beiden wie Kinder im richtigen Spielmodus. Denn von ihrer Kindheit wollen sie erzählen. Davon, wie sie auf einem Hof aufgewachsen sind und wie sie jeweils ihre Eltern ausgetrickst haben, um nachts am Fluss zu zelten und ganz nah an der Natur zu sein. Abenteuerlich ist es dort zugegangen und beide haben einander beigestanden und geholfen. 

Mit sicherem Gespür für die Fantasie von Kindern hat Julia Friede „Unsere wilden Jahre“ des britischen Dramatikers Charles Way inszeniert. Annegret Peters hat einige Passagen des überwiegend hochdeutschen Textes ins Plattdeutsche übersetzt. Manches wie der Eingangssong wird zunächst auf Hochdeutsch vorgestellt und dann ins Plattdeutsche übertragen. Verständnisprobleme sind also nicht vorhanden. Die knapp 60minütige Produktion des Oldenburgischen Staatstheaters ist bis zum 15. Februar im Ohnsorg Studio zu sehen, und um es gleich vorwegzunehmen: Es lohnt sich.

Faszinierend, wie man in einem wild betätigten Schellenkranz einen begeistert tobenden Hund erkennen kann.

Ausgesägte grüne Holzplatten liegen auf dem Boden, sie gehen glatt als Wiese vor dem Bauernhof durch. Stellt man sie hoch wie bei einem Klappbuch für Kinder, wird aus ihnen eine Landschaft aus verschiedenen Ebenen mit Wolken und wilden Strichen. Oder auch ein blauer Tunnel, der als Zelt gelten soll (Bühne und Kostüme: Anna Myga Kasten). Rechts sind Musikinstrumente aufgebaut, darunter und an einem Ast liegen bzw hängen ein paar Requisiten. Dominik Dittrich untermalt die Geschichte mit Klängen und Songs, und es ist faszinierend, wie man nur durch seinen wild betätigten Schellenkranz ganz selbstverständlich einen begeistert tobenden Hund erkennen kann. Allerdings trägt Dittrich dazu auch eine Fellmütze, wie er auch mit einer Maske und dem auseinandergezogenen Akkordeon eine Eule oder mit schwarz-weißer Mütze und Bademantel einen Dachs darstellt. Kinder können sich mühelos in diese Inszenierung hineindenken. Wenn Jim Livs Schlafsack wie einen Traktor mit nicht sichtbarem Werkzeug repariert, dann entspricht das genau der Spielweise von Kindern. Junker und Brandt sind glaubhaft in diese Unbefangenheit und Fantasie,  genauso nimmt man ihnen später die pubertierenden Jugendlichen und die Erwachsenen ab. Die Geschwister haben unterschiedliche Interessen entwickelt: Jim bleibt auf dem Hof, bewirtschaftet ihn nach dem Tod der Eltern alleine und ist völlig überfordert. Atemlos hetzt er durch den Song „Es gibt immer was zu tun“. Liv dagegen ist als Künstlerin in die Stadt gezogen, hat geheiratet (Jim hat die Einladung zur Hochzeit nicht gelesen) und eine Tochter bekommen. Die Geschwister haben sich auseinandergelebt und scheinen einander vergessen zu haben. Bis nach einem Brand auf dem Hof Liv doch wieder zur Stelle ist und ihrem Bruder hilft.

Sie bleibt mit ihrer Familie bei ihm, bis beide alt und tatterig sind. Aber das hat man ja schon am Anfang dieser poetischen, fantasievollen Vorstellung sehen können.  

Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/unsere-wilden-jahre-as-wi-wild-weern/

INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE

Inhaltliche Schwerpunkte
  • Beziehung zwischen Geschwistern
  • Liebe zur Natur
Formale SchwerpunKte
  • Multifunktionale Requisiten
  • Multifunktionales Bühnenbild
  • Verwendung von Musikinstrumenten zur Darstellung von Tieren, Wetterphänomenen oder Stimmungen
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe

Ab 7/8 Jahre, ab Klasse 2

Zum Inhalt

Die Geschwister Liv und Jim wachsen auf einem Hof auf. Gemeinsam ist ihnen die Liebe zur Natur und die Lust, nachts am Fluss zu zelten. Dabei lernen sie,  mit verschiedenen Widrigkeiten (wie einem kaputten Schlafsack) und mit ihren Ängsten (komische Geräusche in der Nacht, Gewitter) umzugehen. Ihre innige Beziehung bekommt in der Pubertät erste Risse und zerbricht ganz, als beide erwachsen sind. Liv, die schon immer gerne gezeichnet hat, geht als Künstlerin in die Stadt und gründet dort eine Familie, Jim bleibt auf dem Hof und bewirtschaftet ihn nach dem Tod der Eltern allein. Als ein Brand das Haupthaus vernichtet, kommt Liv zurück und hilft ihrem Bruder. Mit dem Verkauf ihrer Kunstwerke beschafft sie Geld, so dass das Haus wieder aufgebaut werden kann. Sie und ihre Familie ziehen zurück aufs Land zu Jim.

Mögliche Vorbereitungen
Alle, die…

Die Gruppe steht im Kreis. Die Spielleitung gibt Beispiele vor, die mit  „Alle, die…“ beginnen.Diejenigen, die sich angesprochen fühlen, gehen ganz schnell in die Mitte des Kreises, bleiben dort kurz stehen und kehren dann auf ihren Platz im Kreis zurück, bis die nächste Vorgabe kommt. 

Zum Beispiel: Alle, die

  • Geschwister haben
  • sich mit ihren Geschwistern meistens gut verstehen
  • gerne zelten
  • gerne draußen spielen
  • Tiere mögen
  • ein Haustier haben
  • gerne zeichnen oder malen
  • schon mal eine Eule gesehen haben
  • schon mal einen Dachs gesehen haben        (usw.)
Traumreise

Die Gruppe liegt verteilt auf dem Boden, die Augen sind geschlossen.

Die Spielleitung schickt sie auf eine Traumreise (Pausen zwischen den einzelnen Sätzen):

Stellt euch vor ihr seid nachts in einem Zelt auf einer Wiese:  Ihr liegt ihr auf einer Luftmatratze in einem warmen Schlafsack, unter dem Kopf habt ihr ein weiches Kissen. Es ist gemütlich in dem Zelt. In der Nähe hört ihr das Plätschern eines Flusses und dann ein anderes leises Geräusch. Vielleicht ist es ein Tier. Es klingt nicht gefährlich nur sonderbar. Ihr schält euch aus dem Schlafsack, öffnet das Zelt ein bisschen und schaut hinaus. Über euch seht ihr einen Himmel voller Sterne. Am Ende der Wiese glitzert der Fluss in der Dunkelheit. Das Geräusch kommt näher. Ihr streckt den Kopf etwas weiter aus dem Zelt und seht… einen kleinen Fuchs, der eilig über die Wiese läuft. Etwas weiter entfernt ist ein „Uhuuu“ zu hören. Eine Eule hat sich auf einem Baum hinter der Wiese niedergelassen. Ihr klettert aus dem Zelt, um sie euch anzusehen. Das Gras unter euren nackten Füßen ist feucht. Vorsichtig geht ihr in Richtung Baum. Aber die Eule könnt ihr nicht sehen. Macht nichts. Die Nacht ist so schön. Noch einmal schaut ihr zu den Sternen hoch und klettert dann zurück ins Zelt. Dort schlaft ihr wieder ein und wacht erst am nächsten Morgen wieder auf, als die Vögel sehr laut zu zwitschern beginnen. 

Danach: Gespräch mit der Gruppe (Was habt ihr bei der Traumreise erlebt? u.ä.)

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