Ein mathematischer Beweis, der die Wissenschaft aus den Angeln hebt. Den kann nur Genie erforscht haben, ein männliches selbstverständlich. Und wenn nicht? „Proof“ von David Auburn lässt diese Frage lange in der Schwebe, Clifford Deans Inszenierung am English Theatre schürt die Spannung bis zum Schluss.

Die Kritik
Den 25. Geburtstag könnte man anders feiern, aber Catherine (Georgiana Casbarra) liegt nur erschöpft in ihrem Stuhl und hat zu gar nichts Lust. Jahrelang hat sie ihren Vater Robert (Richard Ings) gepflegt und erste einmal auf ein eigenes Leben als Mathematikstudentin verzichtet. Robert war mal eine echte Koryphäe, ein Mathe-Genie, das an der Universität von Chicago Scharen von Studierenden faszinierte, doch in den letzten Jahren hatte sich sein Verstand verabschiedet. Catherine hat seinen Intellekt geerbt, allerdings, fürchtet sie, auch dessen Tendenz zur Geisteskrankheit. Wie erklärt sie sich sonst, dass ihr ihr Vater an ihrem 25. Geburtstag mit einer Flasche Champagner erscheint? Es sind die Nerven, wahrscheinlich. Denn ausgerechnet an diesem Tag findet Roberts Beerdigung statt, zu der auch Claire (Katherine Bristow), Catherines Schwester, aus New York anreist. Und dann geistert auch noch Roberts Student Hal (Peter Dewhurst) auf dem Dachboden herum, um die Werke des Professors zu sichten.
Dean hat das Glück, wie so oft im English Theatre ein hochqualifiziertes Ensemble zur Verfügung zu haben.
Die Anfangsszene von „Proof“ setzt die Hauptfigur Catherine in einen fragilen Zustand, der sich in Clifford Deans psychologisch genau geführter Inszenierung noch steigert. Was ist los mit dieser jungen Frau? Ist sie ausgelaugt durch die jahrelange Pflege? Ist sie selbst ein mathematisches Genie? Oder zeigt sie bereits Anzeichen der Krankheit ihres Vaters? 2001 wurde das Stück des US-amerikanischen Dramatikers und Regisseurs David Auburn mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und vier Jahre später von John Madden mit Anthony Hopkins und Gwyneth Paltrow verfilmt. „Proof“ baut auf die differenzierte Zeichnung seiner Figuren, daraus entsteht seine Spannung. Dean hat das Glück, wie so oft im English Theatre ein hochqualifiziertes Ensemble zur Verfügung zu haben. Casbarras Catherine ist anfangs eine genervte junge Frau, die den Geburtstags-Champagner aus der Flasche trinkt, sarkastische Sprüche drauf hat und irgendwie überhaupt keinen Bock mehr hat, schon gar nicht auf ihre Schwester Claire. Die ist bei Katherine Bristow ihr genaues Gegenteil: elegant, zugewandt und manchmal etwas zu aufdringlich mit ihren Fragen. Allerdings fragt man sich im Laufe der knapp zweieinhalbstündigen Inszenierung (inkl. Pause), ob hier nicht doch Fürsorge und schwesterliche Liebe die eigentlichen Motive sind. Auch Catherine verändert sich, wird plötzlich zugewandter und lässt sich sogar mit Hal ein. Dewhurst zeigt ihn als übereifrigen, oft linkischen Streber, lässt aber im Unklaren, ob seine Recherchen tatsächlich der Universität oder vielleicht doch eher seiner eigenen Karriere dienen sollen. Richard Ings als Vater Robert taucht in den beiden Rückblenden auf: Vier Jahre zuvor war er noch ein anerkannter Professor im Ruhestand, der nur ungern seine Tochter Catherine zum Studium in eine andere Stadt ziehen ließ, ein Jahr später sitzt er verwirrt in kurzärmeligen T-Shirt bei Minusgraden auf der Terrasse und schreibt wie besessen in ein schwarzes Heft. Dieses Heft findet Hal kurz nach der Beerdigung in Roberts Schreibtisch, Catherine hat ihm dafür den Schlüssel gegeben. Es enthält den bahnbrechenden mathematischen Beweis. Aber konnte ihn Robert in seinem Zustand noch verfassen? Oder war es Catherine? Tja…
Weitere Informationen unter: https://eth-hamburg.de/2025/08/04/proof/
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Genie und Wahnsinn
- Anerkennung von Frauen in der Wissenschaft
- Familiäre Bindungen
Formale SchwerpunKte
Psychologisches Spiel in realistischem Dekor
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 16/17 Jahre, ab Klasse 11/12
- Empfohlen für den Englischunterricht
Mögliche Vorbereitungen
Das English Theatre gibt in seinem Study Guide Informationen zum Stück, zum Autor, eine ausführliche Inhaltsangabe sowie inhaltliche Fragen und Diskussionsthemen heraus unter:
https://eth-hamburg.de/wp-content/uploads/2026/01/Study-Guide_Proof.pdf