Destination: Origin

Leben und Arbeiten in einem autoritären Staat wie dem Iran, der mit brutaler Gewalt Protestierende unterdrückt. Flucht und schließlich Ankommen in Berlin. Tatsächlich Ankommen? Was das alles bedeutet, davon erzählen Mohammad Rasoulof und sein Ensemble in „Destination: Origin“ bei den Lessingtagen im Thalia in der Gaußstraße.

Das Ensemble der Frauen – Foto: Fabian Schellhorn

Die Kritik

Im Lichtkegel der nachtschwarzen Bühne steht eine Frau in weißem Kleid. Ihre Arme umschlingen sie, breiten sich aus wie Flügel und lassen an Geborgenheit oder an Gefangenschaft, an Flucht oder Freiheit denken. Aber sind es tatsächlich ihre Arme? Erst langsam werden zwei dunkel gewandete Gestalten hinter ihrem Rücken deutlich, die eine hat einen linken, die andere einen rechten weißen Arm, die Arme der Frau sind schwarz. Ohne die Gestalten im Hintergrund verschwinden sie im schwarzen Nichts. Die Frau wirkt wie amputiert.

Es ist das erste Bild von „Destination: Origin“, einer Koproduktion vom Nationaltheater Mannheim, Düsseldorfer Schauspielhaus, Theater an der Ruhr und den Hamburger Lessingtagen. Inszeniert hat diesen eindrucksvollen Abend der iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof, die Dramaturgie hat Festivalleiter Matthias Lilienthal übernommen. Rasoulof selbst war in seiner Heimat Repressalien ausgesetzt, ihm drohte eine Gefängnisstrafe. Seinen letzten 2024 international ausgezeichneten Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ drehte er unter dem Radar des Regimes und schaffte gerade noch die Flucht nach Deutschland, bevor man ihn festnehmen konnte. Die Schauspielerinnen Niousha Akhshi, Mahsa Rostami, Setareh Maleki, die in diesem Film mit Rasoulof zusammengearbeitet haben, sind mit ihm geflohen. Jetzt stehen sie, ergänzt durch die Schauspielerin Eli Riccardi, in „Destination: Origin“ auf der Theaterbühne. Was sie in der knapp 60minütigen Vorstellung, einer Mischung aus Tanz, Performance, Spiel und Reflexionen, erzählen, hat unmittelbar mit ihrer gelebten Situation zu tun. Reale Erlebnisse verweben sich mit Träumen und Sehnsüchten zu dichten Bildern. In einem Wald aus dicken Tauen (Bühne und Kostüme: Yashi) tasten sich die Frauen voran, versuchen gemeinsame Bewegungen, fallen, richten sich wieder auf. Ein anderes Bild zeigt sie, wie sie fröhlich nach hellen, auf den Vorhang projizierten Kreisen greifen und sie einander zuwerfen. Im Hintergrund ist jedoch immer ein grollender Sound, oft auch ein lautes, gehetzt klingendes Atmen zu hören (Komposition: Karzan Mahmood). Die Leichtigkeit ist nur geliehen, bleibt Momentaufnahme.  

Was mache ich hier? Soll ich hier weiter Theater spielen? Mein Haar bedecken? Oder tatsächlich meine Heimat und die Familie verlassen? Diese Überlegungen tragen die drei iranischen Schauspielerinnen nacheinander vor. Eine übernimmt von der anderen, ihre Gedanken und Gefühle ähneln einander. „The eyes get scared/ the feet carry on“ – weitergehen trotz der Angst, das ist der Grundsatz, der sie leitet und aufrecht erhält. Was erwartet sie in Deutschland, in Berlin? Ist dieser Ort ihr Ziel, ein neuer Anfang? Oder ist das Ziel doch ihre Heimat, ihre Herkunft? „Destination: Origin“ – der Titel lässt beide Deutungen zu. Ein eindringlicher, authentischer Abend über Unsicherheit und Angst, aber eben auch über Mut und Stärke. 

Weitere Informationen zu den Lessingtagen 2026 unter: https://www.thalia-theater.de/de/lessingtage

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