Der Gipfel

Klimagipfel, G7-Gipfel, Minigipfel im Oval Office – Es wird viel Wind gemacht um all diese Treffen von wichtigen Persönlichkeiten. Aber was letztlich dabei herauskommt? Vielleicht gibt Christoph Marthalers jüngste Produktion „Der Gipfel“ darauf eine Antwort.

Die Gäste des Gipfels (v. li: Charlotte Clamens, Liliana Benini, Raphael Klammer, Federica Fracassi, Lukas Metzenbauer) – Foto: Matthias Horn

Die Kritik

„Bing“ macht der Aufzug. Der junge Mann mit der Pilzkopffrisur (Lukas Metzenbauer) hatte gerade noch unter einer Bank geschlafen. Jetzt rennt er pflichtschuldig zum Aufzug, als sich dessen Tür öffnet. Doch statt der erwarteten Gäste steht da nur ein Bild der Mona Lisa. Bei den drei folgenden Malen hat er mehr Glück: Zuerst entsteigen dem Schacht eine Dame, dann zwei und zuletzt dicht gedrängt drei weitere Personen. Von letzteren sind allerdings zunächst nur die Beine zu sehen, die  sich hoffnungslos ineinander verhakt und Mühe haben, sich wieder zu entwirren, um dem Aufzug zu entsteigen. Ohne eine Miene zu verziehen nehmen schließlich alle Platz auf den Holzbänken der sehr karg ausgestatteten Berghütte (Bühne: Duri Bischoff). Niemand sagt ein Wort, alle scheinen in sich versunken – und dann beginnen sie plötzlich leise zu singen.

Fans von Christoph Marthaler werden bei dieser Anfangsszene liebevoll mit dem Kopf nicken, ist sie doch typisch für die Arbeiten des Schweizer Theatermachers: Eine (ein-)geschlossene Gesellschaft an einem Ort, aus dem es keinen Ausweg gibt. Ein Aufzug, ein Telefon und – wie hier- das Dröhnen eines Hubschraubers, das die Existenz einer Außenwelt signalisiert, die kleine Zeichen setzt, ansonsten aber unerreichbar erscheint. Menschen, die mit heiligem Ernst absurd erscheinende Tätigkeiten vollziehen und plötzlich gemeinsam anfangen zu singen. Wie beim Pfeifen im Wald um Angst, Hilflosigkeit und Unbehagen zu überspielen. 

Marthaler zeichnet in gut 100 Minuten eine absurde, skurrile und durchweg entschleunigte Welt.

Als europäische Koproduktion war „Der Gipfel“ vom 20. bis 22. August beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel zu sehen, davor bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen und beim Festival d’Avignon. Marthaler zeichnet in gut 100 Minuten eine absurde, skurrile und durchweg entschleunigte Welt, die Raum für unterschiedliche Deutungen lässt. „Der Gipfel“ – das ist ein nicht näher definierter Titel. Er könnte ebensogut einen Berggipfel meinen – immerhin befindet sich mitten in der Hütte so ein steinernes Abbild – wie auch ein Gipfeltreffen. Die sechs Darsteller:innen tragen anfangs zünftige Bayern-Kluft, wirken also wie eine Wandergruppe, später, nach einem Saunagang, wechseln sie zu Abendgarderobe, scheinen demnach in offizieller Mission zu sein (Kostüme: Sara Kittelmann). Gemeinsam ist ihnen der Aufenthalt in dieser Hütte, der eventuell mit irgendeinem nie formulierten Auftrag versehen ist. Denn über den Aufzug erhalten sie Essen (aufwändig verpackte Snacks, in denen nur ein klitzekleiner Keks eingewickelt ist) oder einen Sack voll aufblasbarer Feuerlöscher, den ein Hubschrauber über die Dachluke abwirft. Schließlich brennt es ja an allen Ecken der Welt, da braucht es natürlich Leute, die diese Brände löschen- das wäre eine mögliche Deutungshypothese. Die von Marthaler, Dramaturg Malte Ubenauf  und den Schauspieler:innen ausgewählten Texte (eigene sowie Zitate u.a. von Pasolini oder Dylan Thomas) geben darauf allerdings keinen Hinweis. Worauf sie hinauswollen? Weiß man als Zuschauer:in nicht. Aber die Gipfel-Gäste auch nicht, zumal sie alle verschiedene Sprachen sprechen und das Gesprochene ebensowenig verstehen wie Raphael Clamers furiose Body-Percussion oder Graham F. Valentines nur aus „Plopps“ bestehende Rede. Dennoch nicken alle verständnisinnig und applaudieren – Konsequenzen zum Handeln ergeben sich natürlich nicht. Vielleicht dürfen sie deshalb – das verkündet eine offizielle Stimme über Lautsprecher – wegen äußerer Umstände „die nächsten 15 bis 18 Jahre“ diesen Ort nicht verlassen. Ob nach dieser Zeit ein Ergebnis erzielt wird? Gute Frage.

Weitere Informationen zum Sommerfestivl unter: https://kampnagel.de/reihen/internationales-sommerfestival-2025

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