A Year Without Summer

„No End“ – niemals wird der Wunsch nach Unsterblichkeit enden. Hoch oben auf einem Gerüst dreht eine Eistänzerin zu sanfter Musik ihre Runden. Der Kreis als Symbol für Endlosigkeit. Unerwartet philosophisch und poetisch gerät Florentina Holzingers „A Year
Without Summer“, das nach seiner Premiere an der Berliner Volksbühne noch bis zum 24.
August beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel zu sehen ist.

(v.li: Achan Malonda / Andrea Baker / Bärbel Warnke / Brigitte Ulm /
Constanza Pérez de Lara Bonatti /Fibi Eyewalker / Florentina Holzinger / Jil Liane Schmidt-Fritsche / Luz De Luna Duran / Netti Nüganen/ Renée Eigendorf / Renée Copraij / Sahel van K / Saioa Alvarez Ruiz / Sophie Duncan / Sue Shay /Xana Novais) – Foto: Nicole Marianna Wytyczak

Die Kritik

Natürlich ist die Eistänzerin nackt wie alle Performerinnen inklusive der Musikerinnen in dieser Produktion. Ausschließlich Frauen und die unbekleidet – das gehört zu Holzingers Stil, ebenso wie schwindelerregende Akrobatik und  an die Grenzen des Aushaltbaren gehende Live-Operationen an weiblichen Körpern. Der Satz „Im Theater gewesen, gekotzt“ wird daher nur zu gern von ihren Kritikern wiederholt und klar, diese  Ästhetik polarisiert. Auch in der jüngsten Produktion der österreichischen Theaterkünstlerin finden sich schwer verdauliche Elemente: Da wird aus einer frisch vernähten Narbe am Oberschenkel eine Figur „geboren“, werden für das ultimative Face-Lifting Haken durch Augenbrauen und Wangen gezogen und am Ende eimerweise Kotze und Scheiße (keine Angst, alles künstlich!) über die Bühne gespült – groteske Übertreibungen, die Holzingers Thema umso plastischer werden lassen und sich manchmal wie einen Schlag in die Magengrube anfühlen. Und dennoch gibt es Momente voll ungewohnter Zärtlichkeit, Stille und Nachdenklichkeit. Denn „A Year Without Summer“ beschäftigt sich mit der Endlichkeit des Menschen und seiner gleichzeitigen Sehnsucht nach Unsterblichkeit. 

„Was würden wir tun, wenn hier ein Jahr ohne Sommer wäre?“

Eine Frau taucht aus dem Bühnennebel auf und erzählt vom Jahr 1816, in dem ein Vulkanausbruch Ernten vernichtete,  die Menschen Hunger litten und die Apokalypse unabwendbar schien. Mit ein paar Gleichgesinnten rettete sich die damals 18jährige Mary Shelley in ein Haus am Genfer See und verfasste ihren bis heute populären Roman „Frankenstein“. „Was würden wir tun, wenn hier ein Jahr ohne Sommer wäre?“, fragt die Frau. Nacheinander treten die übrigen Performerinnen, alle noch bekleidet, auf, bilden Paare und Grüppchen, entkleiden einander zärtlich, haben schließlich immer wilder werdenden Sex, ganz so, als wäre es das letzte Aufbäumen vor dem Untergang. Skeeter Davis’ live gesungenes „The End of The World“ begleitet die Szene. Mit dem dramatischen Intro von „Also sprach Zarathustra“ verschwindet der Nebel und ein überdimensionaler Frauentorso (Bühne: Nikola Knežević) wird aufgeblasen und Holzinger „gebiert“ eine Figur. „It’s a Musical“, jauchzen die anderen und ab geht es mit Schwung, Witz, tollen Choreografien und einem sangesstarken Ensemble in den Teil, der sich „Der Ursprung der Welt“ nennt. Böse, allerdings in Teilen zu ausführlich, geraten die Parodien auf den KZ-Arzt Mengele oder den Psychoanalytiker Freud mit ihren Experimenten zur (eigenen) Unsterblichkeit. Berührend dagegen die direkte Konfrontation mit dem Tod aus eigener Erfahrung, geschildert u.a. von Holzinger selbst. „Ich kann mit dem Tod umgehen“, stellt eine 84jährige nüchtern fest. Umso schriller wirkt da das ultimative Face-Lifting, mit dem die Performerin an Haken wie ein Engel nach oben gezogen wird. „Unsterblichkeit“ und „Ewigkeit“ sind die beiden letzten Teile dieses gut 120minütigen Abends betitelt. Sechs alte Frauen kümmern sich liebevoll um junge, die wie Neugeborene in einem Schleimhaufen verkeilt am Boden liegen. Dann wechseln die Rollen. Die Alten werden gebrechlich, werden von den Jungen gepflegt, gewickelt, bis die Scheiße in Kübeln aus allen Ritzen quillt und die Jungen sich im Strahl übergeben. „Who wants to live forever?“, singen sie  und geben dem Song von Queen eine weitere Nuance. Und wenn wir doch so gerne unsterblich wären, warum fürchten wir uns vor einer Figur wie Frankenstein, die jetzt in das Inferno tritt? „Ihr habt mich gemacht. Ich lebe ewig und sehe euch sterben“, sagt sie freundlich bestimmt. Oben zieht die Eistänzerin ihre unendlichen Bahnen. „No End“ – Es braucht eine Weile, bis man diese Vorstellung verdaut hat. 

Weitere Informationen zum Sommerfestival unter: https://kampnagel.de/reihen/internationales-sommerfestival-2025

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