Ein Mädchen ist tot. Wie Schlachtvieh geopfert vom eigenen Vater, damit der die Götter besänftigt und in den Krieg ziehen kann. Der Mythos um Agamemnon und seiner Tochter Iphigenie ist bekannt, aber wer weiß, wie sich die Tat auf Klytämnestra, Iphigenies Mutter, und auf ihre Beziehung zu ihrem Mann Agamemnon ausgewirkt hat? In ihrem Stück „Girl on an Altar“ spürt die irische Dramatikerin Marina Carr dieser Frage nach. Mit der deutschsprachige Erstaufführung in Elias Perrigs konzentrierter Inszenierung startet das Ernst Deutsch Theater in die neue Spielzeit.

Die Kritik
Sie wirken wie ein verliebtes Paar, so ganz am Anfang. Da umschlingt Agamemnon (Daniel Schütter) die zierliche Klytämnestra (Ines Nieri) zärtlich von hinten. Beide sind hell gekleidet, die Hochzeit ihrer Tochter Iphigenie steht bevor. Sagt Agamemnon. Tatsächlich aber ist das nur ein Vorwand, mit der er das Mädchen nach Aulis locken will. Tatsächlich gehorcht er den Göttern, die Iphigenie als Opfergabe fordern, um Agamemnons Schiffen günstigen Wind für den Krieg in Troja zu verschaffen. Schütters Agamemnon versprüht einen lässigen Charme, der sich gegen die vernünftigen Bedenken der Mutter („Sie ist erst zehn!“) durchsetzen kann. Cut. Die Bühne wird schwarz.
Das unterschwellige Grollen der Musik (Lennard Clément) ließ bereits in dieser ersten Szene nichts Gutes ahnen, jetzt aber – zehn Jahre sind vergangen – wird erst offenbar, was Agamemnon angerichtet hat. Ja, der Krieg war erfolgreich, aber was war in der Zeit zu Hause los? Klytämnestra hat die Regierungsgeschäfte übernommen, mit dem eher schüchternen Ägisth (K) einen neuen Mann an ihre Seite geholt und mit ihm weitere Kinder bekommen. Doch nun kehrt Agamemnon zurück, noch dazu mit Kassandra als neuer Frau, und will alles so haben wie früher: Also wieder selbst regieren, Klytämnestra als Frau zurück und die Sache mit Iphigenie irgendwie vergessen machen.
Ich-Erzählung und Dialoge sind eng miteinander verwoben.
„Girl on an Altar“ ist keine leichte Kost, mit der das Ernst Deutsch Theater in die neue Spielzeit geht. Und das sowohl inhaltlich als auch formal. Es geht um den Tod eines Kindes, das Trauma der Mutter und deren demütigende Behandlung durch ihren Mann.
Marina Carr hat für ihr Stück Ich-Erzählung und Dialoge eng miteinander verwoben und so ein dichtes, sehr kluges Gebilde geschaffen, das das Geschehen hauptsächlich über die Textmassen darstellt. Ein Glück, dass man mit Elias Perrig (am Ernst Deutsch Theater u.a. „The Wanderers“, „Am Ende Licht“) einen Regisseur gewinnen konnte, der Stücken mit konzentriertem, klaren Zugriff begegnet. Perrig und seinem Ensemble gelingt es, über knapp zwei Stunden eine Spannung zu halten, ohne dass auf der Bühne viel geschieht. Auf einem grauen Wall, hinter dem sich ein leichtes, mal schwarzes, mal rot beleuchtetes Tuch bauscht, und nunmehr ganz in Schwarz gekleidet (Ausstattung: Dorit Lievenbrück), stehen die Schauspieler:innen oft frontal zum Publikum. Mit sparsamen Gesten, aber ausdrucksstarker Mimik und Sprachgestaltung, dann wieder in heftigen Dialogen entwickeln sie, was nach Agamemnons Rückkehr vor allem mit Klytämnestra geschieht. Bei Ines Nieri ist sie eine Frau und Mutter, die durch den Tod ihrer Tochter traumatisiert, aber dennoch stark ist. Sie hat zehn Jahre lang das Königreich geführt, sich einen neuen Partner gesucht und behält auch nach Agamemnons Rückkehr als gedemütigte, sogar geschundene Frau ihren Stolz. Daniel Schütters Agamemnon ist ein selbstgefälliges Arschloch („Was ist ein Gott anderes als ein erhöhter Mann?“). Dass er seine eigene Tochter getötet oder besser: geschlachtet hat, versucht er mit einer Dilemma-Situation zu entschuldigen (entweder eine Tote oder ein ganzes Volk). Er biedert sich wieder bei Klytämnestra an, Kassandra – Nayana Heuer spielt sie als ehrliche, durchaus emphatische junge Frau – behandelt er generös von oben herab. Er hat sie ja aus Troja mitgebracht wie einen hübschen Gegenstand, da wird sie schon nicht mucken.
Mit diesem Stück in dieser Inszenierung die Spielzeit zu eröffnen, zeugt einmal mehr von dem Mut, mit dem die Intendanz unter Daniel Schütter und Ayla Yeginer versucht, das vorherige Publikum zu halten und ein neues zu gewinnen. „Girl on an Altar“ ist eine anspruchsvolle, kluge Arbeit für erwachsene oder erwachsen denkende Zuschauer:innen. Man sollte sie sich unbedingt anschauen.
Weitere Informationen unter: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/girl-on-an-altar-492
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Gewalt gegen Frauen und Bedrohung von Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft
- Stärke der Frauen
Formale SchwerpunKte
- Überwiegend frontales Sprechen zum Publikum
- Sparsame Gestik
- Untergründige, Spannung aufbauende Musik
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
Gut (!) vorbereitete Kurse/Klassen ab 12. Jahrgang. Wichtig ist die Fähigkeit zur Konzentration für knapp zwei Stunden.
Zum Inhalt
Agamemnon überredet seine Frau Klytämnestra, die gemeinsame, allerdings erst zehnjährige Tochter Iphigenie mit ihm nach Aulis zu schicken, wo sie sich mit Achill verloben soll. Dabei verheimlicht er, dass er mit den Göttern eine Art Deal geschlossen hat: Er opfert ihnen seine Tochter auf einem Altar, dafür schicken sie ihm Wind, so dass er mit seiner Flotte in den Krieg gegen Troja ziehen kann.
Zehn Jahre später kehrt er siegreich zurück mit Kassandra als Trophäe und neuer Frau. Klytämnestra hat in der Zwischenzeit die Regierungsgeschäfte geführt, sich mit Ägisth einen neuen Partner gesucht und mit ihm Kinder bekommen. Von dem Tod Iphigenies durch Agamemnon hat sie sich jedoch nie erholt, nach wie vor ist sie traumatisiert. Dennoch wehrt sie sich gegen Agamemnons Ansprüche, wieder zu den alten Verhältnissen zurückzukehren, ihm also die Regierung zu überlassen und wieder als seine Ehefrau zu fungieren. Agamemnon reagiert mit brutalen Mitteln, bleibt selbstherrlich in seiner Macht. Aber Klytämnestra kann er nicht brechen.
Mögliche Vorbereitungen
Recherche zu
- Krieg gegen Troja (Ursache, Verlauf)
- Figuren wie Agamemnon, Klytämnestra und Iphigenie
- Femiziden im 21. Jahrhundert (in welchen Gesellschaften? Anlass?)