Vor dem Fall

Bilanz in der Lebensmitte. Was ist aus den Idealen von einst geworden? Was hat man verwirklicht, was ist bloße Behauptung geblieben? Oder ist man total gescheitert? Nicht umsonst heißt diese Zeit auch Midlife-Crisis. Um dieses Thema dreht sich Hadrien Raccahs Komödie „Vor dem Fall“. Martin Woelffer hat sie als deutschsprachige Erstaufführung in den Hamburger Kammerspielen inszeniert. 

Alles gut bei Toms Fest? (v. li: Max von Pufendorf, Alexander Wipprecht, Marius Bistritzy, Nadine Schori) – Foto: Bo Lahola

Die Kritik

Der Anlass ist, wie es so schön heißt, freudig. Nach Jahren treffen sich Lisa, Ben und Marc bei ihrem Freund Tom, um die Geburt von dessen erstem Kind zu feiern. Sie kennen sich schon seit der Schulzeit, hatten Pläne für die Zukunft und wollten auf gar keinen Fall so werden, wie die Leute, über die sie damals gelacht haben. Also Gutverdienende mit Statussymbolen wie Auto, Luxuswohnung und Familie. Aber nun ist Zeit ins Land gegangen, die vier sind Ende Dreißig. Bleibt die Frage, was aus ihnen geworden ist.

Das ist die Grundsituation von „Vor dem Fall“ (Le Vertige), des zweiten Stücks von Hadrien Raccah. Darauf baut der französische Schriftsteller eine grundsolide Komödie auf, deren Verlauf all jenen vertraut erscheinen mag, die schon mehr als eines dieser zeitgenössischen Stücke aus Frankreich gesehen haben. Zwei Jahre nach der Pariser Uraufführung haben sich die Hamburger Kammerspiele die deutschsprachige Erstaufführung gesichert. Martin Woelffer hat sie schnörkellos inszeniert, der Wechsel von chaotischer Hektik und stiller Ratlosigkeit bis hin zur Trauer beweisen sein Gespür für den richtigen Rhythmus.

Am Ende bleiben vier verlorene Menschen zurück.

Die Bühne (Stephan Fernau, auch verantwortlich für die Kostüme) zeigt eine nächtliche Terrasse mit Holzgeländer, Sonnenschirm und Gartenstühlen, darüber eine Lichterkette. Zwei Stufen führen zu einer verglasten Fenster- und Türfront, die mit einem automatischen Rollo verschlossen werden können. Ein Knopfdruck genügt, schon heben oder senken sie sich nach Belieben. Offenbar hat eines der Kinder, das mit seinen Eltern zu Toms Fest eingeladen worden ist, Spaß daran gefunden. Jedenfalls spielt es  so lange daran herum, bis sich die Rollos nicht mehr heben und Tom (Max von Pufendorf) mit seinem Bruder Ben (Marius Bistritzky), der Schulfreundin Lisa (Nadine Schori) und Marc (Alexander Wipprecht), ebenfalls ein Freund aus der Schulzeit, auf der Terrasse eingesperrt ist. Die festliche Stimmung, die Freude über das Wiedersehen wird in dieser Situation auf die Probe gestellt. Nach und nach kommen gut kaschierte Wahrheiten auf den Tisch. Dass Marc das Baby hässlich findet, ist davon noch die harmloseste. Viel schwerwiegender sind die gescheiterten Lebensentwürfe von Ben, der eigentlich mal Konzertpianist werden wollte, es dann aber doch nur zum Musiklehrer gebracht hat und vor drei Monaten auch noch entlassen worden ist. Oder von Lisa, die seit ihrer Jugend von einem Casting zum anderen rennt, aber außer als Statistin nie eine Rolle als Schauspielerin bekommen hat. Oder Marc, Angestellter in Toms Kanzlei und dessen ältester Freund. In seiner frechen direkten Art scheint er unantastbar, tatsächlich aber ist er gerade von seiner Frau verlassen worden. Sein Sarkasmus entpuppt sich als reine Schutzmaßnahme.  Es kommt allerdings noch dicker, und am Ende bleiben vier verlorene Menschen zurück.

Tom ist genau zu dem geworden, was er in seiner Jugend verachtet hat.

Woelffer hat ein überzeugendes Ensemble zur Verfügung. Zu Beginn steht es an der Rampe, jede Figur wird durch eine Frauenstimme aus dem Off (Luca Woelffer) vorgestellt. Wie sich am Ende des 80minütigen pausenlosen Abends herausstellt, ist es die Stimme von Toms Tochter, die zwanzig Jahre später auf das Geschehen zurückblickt und wahrscheinlich die Lebenslügen der vier Erwachsenen erkennt. Da ist Max von Pufendorfs Tom, ihr Vater. Ein Lautsprecher, der auf der eigenen Party mit Maßanzug erscheint und ausschließlich von seinen Erfolgen, inklusive seiner neugeborenen Tochter als dem schönsten Baby der Welt, spricht. Er ist genau zu dem geworden, was auch er in seiner Jugend verachtet hat. Seine fehlende Erfüllung sucht er in der Affäre mit Lisa, obwohl er doch wissen muss, dass sein Bruder Ben sie schon seit der Schulzeit liebt. Schori wahrt als Lisa die Contenance selbst dann, wenn ihr ihre Erfolglosigkeit unter die Nase gerieben wird. In einem beeindruckenden Moment schleudert sie ihre Lederjacke mit einem „Ich will das nicht mehr!“ von sich und zitiert Kleists Prinz Friedrich von Homburg, der sich am Ende über sein Schicksal erhebt. Das gelingt ihr so wahrhaftig, dass selbst Wipprechts Marc, sonst nie um eine giftige Wahrheit verlegen, zum ersten Mal ernsthaft ergriffen ist und das auch formuliert. Bleibt Ben, bei Marius Bistritzky  

die unglücklichste Figur in diesem Quartett. Ihm scheint der Boden von Anfang an unter den Füßen weggezogen worden zu sein, weil er schon lange von seiner Entlassung weiß, weil Lisa seine Liebe nicht erwidert und vielleicht auch, weil sein gelber Twingo an diesem Abend wieder abgeschleppt wird. Aber er trifft eine Entscheidung: „Ich habe keine Angst mehr“, sagt er und steigt auf die hölzerne Einzäunung, bereit zum Sprung. Hilflos drehen sich die drei anderen von ihm weg. 

Kein Happy End also, doch glaubt man dem frenetischen Beifall am Premierenabend, könnte „Vor dem Fall“ für ein volles Haus in den Kammerspielen sorgen. 

Weitere Informationen unter: https://hamburger-kammerspiele.de/programm/vor-dem-fall/

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