Kribbeln in’n Buuk – Der Himmel voller Geigen

Über eine Dating-Plattform einen Partner oder eine Partnerin zu finden – die Generation Ü60 hat da durchaus noch Hemmungen. Dann schon lieber bei einem analogen Speed-Dating mitmachen. Ist ohnehin schon aufregend genug, wie Marc Beckers „Kribbeln in’n Buuk – Der Himmel voller Geigen“ am Ohnsorg Theater zeigt.

Mit Spickzettel beim Speed-Dating: Gabor (Oskar Ketelhut) und Sabine (Birthe Gerken) – Foto: Oliver Fantitsch

Die Kritik

Frauke (Laura Uhlig) und Manfred (Johannes Kalle Schäfer) strahlen professionell gute Laune aus. Das gehört zu ihrem Job, denn die beiden moderieren ein Speed-Dating für Best Ager, also für Menschen über 60. Noch verdeckt ein Paravent den Raum, in dem sich die Paare später für eine kurze Zeit treffen, sich vorstellen und sich vielleicht sogar irgendwie kennenlernen sollen. Noch führen Frauke und Manfred („einfach Manni“) bei vollem Saallicht das Publikum des Ohnsorg Theaters in die Gepflogenheiten so eines Treffens ein, aber dann erscheinen nacheinander die angemeldeten Personen und los geht es mit dem Speed-Dating.

„Kribbeln in’n Buuk – Der Himmel voller Geigen“ heißt Marc Beckers 2017 in Oldenburg uraufgeführtes Stück. Becker, der seit zwölf Jahren regelmäßig am Ohnsorg inszeniert (zuletzt in der vergangenen Spielzeit „Buddenbrooks – Eine Familiensaga“), führt auch diesmal Regie, die plattdeutsche Übersetzung hat Meike Meiners besorgt, und zwar gründlich. Denn bis auf das Verlesen möglicher Hilfsfragen und Impulse beim Spontan-Treffen findet sich kaum ein hochdeutsches Wort in dieser circa zweistündigen Komödie. Das Warme des Plattdeutschen ergibt hier jedoch durchaus Sinn, sind doch alle Teilnehmenden auf der Suche und dadurch auch irgendwie verletzlich. Vor allem, weil sie einer Generation angehören, die ihre Partner oder Partnerinnen noch ganz altmodisch beim Tanzen, im Beruf oder im Studium kennengelernt hat. Das Treffen auf Unbekannte unter Beachtung bestimmter Spielregeln ist für sie neu, macht sie unsicher, birgt aber auch jede Menge Komödienpotenzial. Becker hat sechs ganz unterschiedliche Charaktere gezeichnet, die einander in wechselnden Konstellationen begegnen und dann von der neckisch geschwungenen Klingel, mal von Frauke, mal von Manni, abrupt unterbrochen werden. 

Sabine Flunker, auch verantwortlich für die Kostüme, hat den Dating-Raum mit grünen Sesseln und kleinen Tischchen ausgestattet. Im Hintergrund tauchen Projektionen vom Meer oder von Blumenwiesen den Raum in entsprechende Stimmungen. Es gibt eine Bar und auf der gegenüberliegenden Seite eine elektronische Dart-Scheibe und eine manchmal durch zufällige Berührungen losspielende Musikbox. 

„Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“

Dramaturgisch ist diese Art von Komödie eine Herausforderung, denn eine eigentliche Steigerung, einen Spannungsbogen gibt es nicht. Sie lebt alleine von der Darstellung der Charaktere, und die gelingt dem Ensemble überzeugend: Da ist die elegant gekleidete, wohl frisierte Rosi (Beate Kiupel), Zahnärztin im Ruhestand. Eigentlich weiß sie gar nicht, ob sie hierher passt, nestelt nervös an ihrer Tasche  herum und gesteht, dass sie irgendwie schon ein „Kribbeln in’n Buuk“ verspürt. Oder die zappelige Sabine (Birthe Gerken), dreimal geschieden, quietschvergnügt und in ihrem Redefluss kaum zu bremsen. Oder der pensionierte Mathematiker und Möchte-gern-Casanova Klaus (Till Huster). Oder der schüchterne, seinen Strohhut auf- und absetzende Gabor (Oskar Ketelhut), dessen dezentes Mienenspiel auch dann urkomisch ist, wenn er nur im Hintergrund steht. 

Das erste Treffen findet zwischen der ehemaligen Reisekauffrau Wilma (Meike Meiners) und Udo (Robert Eder), Polizist im Ruhestand, statt. Udo hatte sich als kernigen Profiler vorgestellt, aber jetzt sitzt er da und weiß nicht, wie er das Gespräch beginnen soll. Er will den perfekten, unvergesslichen ersten Satz formulieren, kriegt ihn aber nicht zustande. Wilma wartet, sagt aber auch nichts. Durch innere Monologe wird deutlich, was in ihnen jeweils vorgeht: Wilma denkt darüber nach, ob sie die Kaffeemaschine ausgeschaltet hat und ob ihr Gegenüber vielleicht stumm ist. Udo feuert sich selbst an für den ersten Satz und beschimpft sich als Versager. Dann klingelt es, das Date ist zu Ende.

Die komischen Momente bei den unterschiedlichen Treffen überwiegen. Tiefe bekommen die Figuren dann, wenn sie wie Gabor ihre Unsicherheiten zeigen oder wie Rosi ihre Einsamkeit eingestehen. Gemeinsam ist allen die Sehnsucht nach einem anderen Menschen, der einen begleitet und in schlechten Zeiten auffängt. Andächtig singen sie zusammen den Song der Münchner Freiheit:, „Ohne dich schlaf‘ ich heut Nacht nicht ein/Ohne dich fahr‘ ich heut‘ Nacht nicht heim/Ohne dich komm‘ ich heut‘ nicht zur Ruh/Das was ich will bist du“. Und das ist gar nicht komisch, sondern sehr ernst gemeint. 

Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/kribbeln-inn-buuk-der-himmel-voller-geigen

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