Im weißen Rössl

Totgesagte leben offenbar tatsächlich länger. Der Operette war in den letzten Jahren ja schon fast das Lebenslicht ausgeblasen worden. Aber jetzt hat Franz Wittenbrink Ralph Benatzkys „Im weißen Rössl“ reanimiert und mit neuem Schwung auf die Bühne des Hansa Theaters gebracht.

Leopold (Michael Rotschopf) verlässt das „Weiße Rössl“ und dessen Wirtin (Susanne Jansen). – Foto: Kerstin Schomburg

Die Kritik

Berlin im November 1930. Vor 3500 Zuschauer fand die Uraufführung der Operette „Im weißen Rössl“ statt. Ein Triumph in Zeiten, in denen es wenig zu lachen, dafür aber umso mehr Sorgen gab. Und das nicht nur in Deutschland. Benatzkys Operette eroberte Paris, London und New York, offenbar schien die Welt nur auf diese Art von Musiktheater gewartet zu haben. Es galt als „respektlos“ und „frivol“, gerade weil es spielerisch mit der Folklore umging. Aber wie funktioniert so etwas heute?

Benatzkys verstorbene Tochter hatte schon länger den Wunsch gehegt, das Stück noch einmal auf die Bühne zu bringen. Am geeignetsten dafür erschien ihr Franz Wittenbrink, mit dem sie eine lange Freundschaft verband. Sie wusste, dass der Musiker, Komponist und Regisseur spritzige Ideen mit Musik verbinden konnte. Seine Arbeiten am Deutschen Schauspielhaus (u.a. „Sekretärinnen“) und am St. Pauli Theater (u.a. „Nacht-Tankstelle) hatten stets ein begeistertes Publikum gefunden. Und Wittenbrink machte sich ans Werk. Herausgekommen ist ein zweieinhalbstündiger Abend (inkl. Pause), der vom Titelsong „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“ über „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“ bis zum unkaputtbaren „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ alles bietet, was die Herzen der Benatzky-Fans begehren. Dazu gehören auch sechs musikalische Einlagen von Bruno Granichstaedten, Robert Gilbert, Robert Stolz und Hans Frankowski.

Aber Wittenbrink wäre nicht Wittenbrink, wenn er und seine Band, das „White Horse-Orchestra“, nicht ab und zu das Tempo bei den Liedern anzögen und sie plötzlich in flotte Swing-Nummern überführten. Dazu sorgt die Choreografie von Susanne Hayo für rasante Tanznummern, die entweder zu zweit oder vom gesamten elfköpfigen Ensemble ausgeführt werden. 

Das Spiel ist für das Publikum so fesselnd, dass es – wie im Kasperletheater – vorab Warnungen oder Vorausdeutungen in Richtung Bühne ausspricht und bei den Songs begeistert mitwippt.

Die Bühne (Miriam Busch) zeigt ein durch und durch klischeehaftes, österreichisches Wirtshaus mit Geranien auf dem Balkon (dem einzigen Balkonzimmer, um das massiv gestritten wird) und Gartenmobiliar auf der Terrasse. Im Hintergrund sind Berge und ein blauer Himmel zu sehen, obwohl es doch – wie es der Song „Wenn es hier mal richtig regnet“ beschreibt – eben ziemlich viel regnet im Salzkammergut. Aber wie seufzt Ottilie  (Victoria Fleer), aus ganzem Herzen? „Alles so schön hier! Der Himmel, die Berge, das Bühnenbild!“ Ist natürlich ein Lacher und gibt die Richtung vor, in der diese nicht ganz ernst gemeinte Operettenfassung zielt. Das Setting wie überhaupt das gesamte Geschehen wird überspitzt und auf die Schippe genommen: Die Präsidentin des Jodelvereins (Sabrina Ascacibar) sorgt mit ausführlichen Jodelkünsten für Lokalkolorit, der Berliner Fabrikant Giesecke (Michael Prelle) ist noch bärbeißiger und unhöflicher, als man es den Berlinern gemeinhin nachsagt. Außerdem wäre er ohnehin lieber in Ahlbek als im Salzkammergut. Holger Dexne ist als glatzköpfiger Sigismund aus Hamburg Sasel liefert den norddeutschen Gegenentwurf, der mit Gieseckes lispelnder Tochter Klärchen (Anneke Schwabe alternierend mit Julika Frieß) anbändelt. Großartig und differenziert ist Michael Rotschopf als Zahlkellner Leopold. Die ganze Gefühlspalette vom Verliebten bis zum schwer Enttäuschten spielt er hinreißend und ist vor allem auch als Österreicher in seiner Sprache authentisch. Susanne Jansen als Wirtin Josepha verwendet zwar österreichische Redewendungen, bleibt aber doch sehr im Hochdeutschen verhaftet, was bei Stephan Schad in der Rolle des Rechtsanwalts Dr. Siedler egal ist, er hat keinen Lokalbezug vorzuweisen. Singen und tanzen kann das gesamte Ensemble trefflich. Das Spiel ist trotz einiger Längen im zweiten Teil für das Publikum so fesselnd, dass es – wie im Kasperletheater – vorab Warnungen oder Vorausdeutungen in Richtung Bühne ausspricht und bei den Songs begeistert mitwippt.

Möglich, dass wie damals bei der Uraufführung in Berlin die Zeiten wieder reif sind für eine Unterhaltung dieser Art  

Weitere Informationen unter: https://www.hansa-theater.com/programm/im-weissen-roessl/

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