Dream Requiem

Kleine Brötchen sind Rufus Wainwrights Sache nicht. Wenn schon Klassik, dann auch das volle Brett. Mit zwei Chören, den Symphonikern Hamburg, einer Sopranistin und der Schauspielerin Isabelle Huppert hat er am 22. und 23. August sein „Dream Requiem“ im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel in der Hamburger Elbphilharmonie aufgeführt und wollte damit seinem Idol Verdi nacheifern.

Rufus Wainwright’s „Dream Requiem“ in der Elbphilharmonie (vorne v. li: Sopranistin Mandy Fredrich, Rufus Wainwright, Isabelle Huppert, Dirigentin Lucie Leguay, Chorleiter Rodrigo Com Pena, Michael Jäckel)- Foto: Claudia Höhne

Die Kritik

Ob Giuseppe Verdi oben auf seiner Wolke interessiert auf die Erde geschaut haben mag? Möglich, denn dort unten, genauer in der Hamburger Elbphilharmonie, schickte sich Rufus Wainwright an, sein „Dream Requiem“ aufzuführen. Wainwright, Spross einer Musikerfamilie, die allerdings eher im Singer-Songwriter-Milieu zu verorten ist, hatte bereits als Dreizehnjähriger seine Liebe zu dem großen Komponisten entdeckt, war dann aber als junger Mann eher in die musikalischen Fußstapfen seiner Eltern getreten, um auf diesem Feld Karriere zu machen. Seit einiger Zeit aber fühlt er sich berufen, selbst klassische Musik zu schreiben, die Oper „Prima Donna“ zum Beispiel. Trump, die Pandemie, die Brände in Los Angeles und ach, der Tod seines kleinen Hundes – all das ließ ihn nun das „Dream Requiem“ komponieren. Und das „sollte mindestens so gut ausfallen wie das von Verdi, wenn nicht sogar besser“, so Wainwright in einem Interview. Gewidmet hat er es zunächst dem kleinen Hund mit Namen Puccini, die Hamburger Aufführung, eine Koproduktion mit dem Internationalen Sommerfestival Kampnagel und den Symphonikern Hamburg, eignet er dann aber seriöserweise doch dem kürzlich verstorbenen Theaterkünstler Robert Wilson zu. 

Huppert gelingt das Kunststück, dem Pathos der Musik eine Nüchternheit, manchmal auch eine fauchende Wut entgegenzusetzen.

Mehr als 150 Mitwirkende lässt Wainwright im Großen Saal der Elbphilharmonie auffahren: die koproduzierenden Symphoniker Hamburg, den Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, den Knabenchor Hannover, dazu die Dirigentin Lucie Leguay, die Sopranistin Mandy Fredrich und als Sprecherin niemand Geringeres als die französische Schauspielerin Isabelle Huppert, immerhin ein Weltstar. Nachdem die Chöre und das Orchester Platz genommen haben, erscheint sie, schmal und zierlich, in einem goldfarbenem langen Kleid, setzt sich neben die Dirigentin und wartet. Ein paar hingetupfte Harfenklänge leiten ganz zart das Requiem ein. „J’eus un rêve qui n’était pas tout-à-fait un rêve“ (Ich hatte einen Traum; nicht ganz einen Traum) – Mit ihrer angerauten Stimme leitet sie in der französischen Übersetzung ein in Auszüge von Lord Byrons „Darkness“. Thema des 1816 geschriebenen Gedichts ist der Weltuntergang in furchterregenden Bildern. Von der verglühten Sonne, eingeäscherten Städten und ruhmlosem Tod ist die Rede. Eingeflochten sind die vier Auszüge in den von Wainwright vertonten Text der Totenmesse, von den Chören im lateinischen Original gesungen. Dem Thema angemessen ist die Musik dramatisch. Sanft klagend schwillt sie an, wird bombastisch, harte Paukenschläge künden von Krieg und Apokalypse und übertönen teilweise Hupperts Erzählstimme. Was insofern bedauerlich ist, als der Schauspielerin das Kunststück gelingt, dem fingerdicken und teilweise ermüdenden Pathos der Musik eine Nüchternheit, manchmal auch eine fauchende Wut entgegenzusetzen. Beinahe erstaunt, fragend fast, beschreibt sie am Ende den erloschenen Mond, die erstickte Luft und die finale, alles auslöschende Finsternis. 

Und Verdi auf seiner Wolke? Wird nach den gut 70 Minuten vielleicht höflich applaudiert haben. Er darf aber ganz sicher sein, dass ihm Wainwright nicht das Wasser reichen kann.

Weitere Informationen zum Sommerfestival unter: https://kampnagel.de/reihen/internationales-sommerfestival-2025

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