Es lässt sich nicht leugnen: „Die fetten Jahre sind vorbei“. Das galt bereits 2004, als Hans Weingartner seinen Film so betitelte, das gilt einundzwanzig Jahre später erst recht. Der Staat macht Schulden in Milliardenhöhe, Mieten explodieren, für viele reicht der Lohn hinten und vorne nicht, aber einige wenige werden immer reicher ohne einen Finger zu krümmen. Zeit also, Weingartners Film auf die Bühne zu bringen. Regisseur Max Claessen hat es an den Hamburger Kammerspielen versucht.

Die Kritik
Auf der Bühne türmen sich auf mehreren Etagen Stühle, Tische, Lampen und was sonst noch so in eine Wohnung gehört. Dahinter prangt ein Banner, auf dem in blutroten Lettern zu lesen ist: „Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle“. Max Claessen, außer für Regie auch verantwortlich für das Bühnenbild, zeigt von Anfang an das Tohuwabohu, was die drei jungen Idealisten Jule (Alice Hanimyan), Jan (Daniel Elias Klein) und Peter (Markus Feustel) in den Villen der Großkapitalisten anrichten. Sie brechen dort ein, stehlen aber nichts, sondern bringen das Mobiliar durcheinander und hinterlassen auf einem Zettel die Botschaft „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“, unterzeichnet mit „Die Erziehungsberechtigten“. Ihr Ziel ist es, die Reichen zu verunsichern, ja sie eventuell sogar zum Nachdenken über ungerechte Strukturen zu bewegen. So weit die sozialkritische Botschaft. Die wird noch dadurch unterfüttert, dass Jule ein Luxus-Auto angefahren hat und nun bei dessen Besitzer mit 144.500 Euro – die sie selbstverständlich nicht hat – in der Kreide steht. Die Situation spiegelt im Kleinen die weltweite Ungerechtigkeit wider und deshalb ist es klar, dass das Trio auch bei Hardenberg einbricht. Der überrascht sie allerdings, wird in Panik niedergeschlagen und auf eine Hütte in den Bergen entführt. Dass sich dieser Bonze, dieses Kapitalisten-Urbild als Alt-68er entpuppt, der die Ideen der jungen Leute durchaus versteht und ihnen erklärt, warum er geworden ist, wie er ist, gehört zum komödiantischen, vielleicht auch nachdenklicheren Teil dieser Geschichte.
Das Wilde, Revolutionäre soll sich vor allem über Songs darstellen.
Weingartner hatte mit seiner Star-Besetzung (Daniel Brühl, Stipe Erceg, Julia Jentsch und Burghart Klaußner) einen Film gedreht, bei dem die Sozialkritik ohne erhobenen Zeigefinger daherkam, die Belehrung der Jung-Revolutionäre durch den ehemaligen Straßenkämpfer Hardenberg entwickelte sich allmählich und überraschte in seiner Wirkung. Nicht umsonst wurde der Film bei seiner Präsentation in Cannes mit stehendem Beifall gefeiert.
Die Einrichtung für die Bühne hat nun Gunnar Dreßler, vor vielen Jahren einmal Leiter des Theaters in der Basilika in Altona, vorgenommen, Max Claessen hat sie in den Kammerspielen – wie soll man sagen? – tapfer umgesetzt. Ja, es geht um Kapitalismuskritik. Aber muss deshalb Markus Feustels Peter immer wieder das Publikum direkt ansprechen und ihm Beispiele wie Elon Musks Milliarden unter die Nase reiben, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu beschreiben? Bertolt Brecht hätte das vielleicht damals noch begrüßt, aber heute wirkt das alles oberlehrerhaft und ermüdet in seiner Häufigkeit. Überhaupt schleppt sich der erste Teil relativ zäh dahin. Das Wilde, Revolutionäre des Trios soll sich vor allem über Songs (u.a. „Revolution“ von den Beatles oder „Death to the Underground“ von Radio 4, jeweils fast in Gesamtlänge) mitteilen, zu denen die Drei entweder mitsingen oder über die sie ihre Dialoge herausbrüllen. Doch das vertieft nichts, erzählt auch nichts Neues. Ihre Absichten sind klar, ihre Charaktere bleiben mit einer Ausnahme relativ flach: Feustels Peter ist der Erklärer und einer, der bei den „Erziehungsberechtigten“ mitmacht, ohne den tieferen Sinn zu begreifen. Ähnlich geht es Hanimyans überwiegend von Emotionen geleiteter Jule. Ganz anders Jan, den Daniel Elias Klein differenziert anlegt. Jan ist durchdrungen von seinen Ideen, sein Zorn speist sich aus politischem Denken und wenn er sich in Jule verliebt, geschieht das ganz leise, fast schamhaft und hätte Jeff Coles ausgespielten Song „The Real Sky“ zur Illustration gar nicht gebraucht.

Mit dem Auftauchen von Markus Majowski als Hardenberg kommt jedoch Schwung in die Inszenierung, die anders als der Film damit tatsächlich in zwei sehr unterschiedliche Teile zerfällt. Majowskis Hardenberg lässt sich vom Zorn des Trios nicht beeindrucken, gibt lakonische Kommentare ab und stellt sich in der Hütte, in die man ihn entführt hat, selbstverständlich in den Dienst der Gemeinschaft. Damit wird er zum Gegenpol der Übereifrigen, leitet seinerseits eine Reflexion seines und ihres Handels ein und rettet ganz nebenbei noch diesen Theaterabend.
Weitere Informationen unter: https://hamburger-kammerspiele.de/programm/die-fetten-jahre-sind-vorbei/
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
Inhaltliche Schwerpunkte
- Kapitalismuskritiker
- Generationskonflikt
- Relativierung von Vorurteilen
Formale SchwerpunKte
- Illustratives Einsetzen von Musik
- Realistisches Spiel
Vorschlag für Altersgruppe/Jahrgangsstufe
- Ab 16 Jahre, ab Klasse 10/11
- Empfohlen für den Deutsch-, Wirtschafts-/Politik-, und Theaterunterricht
Zum Inhalt
Jule, Jan und Peter sind drei junge Systemkritiker, die mit gezielten Aktionen den Kapitalisten in ihrer Stadt Furcht einflößen und sie von ihrem sicheren Sockel herunterholen wollen. Dafür brechen sie in ausgesuchte Villen ein und verstellen dort das Mobiliar, ohne etwas zu stehlen, und hinterlassen einen Zettel mit der Aufschrift „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“, signiert mit „Die Erziehungsberechtigten“. Als Jule nach einem von ihr verursachten Autounfall bei dem Besitzer eines Luxus-Wagens mit 144.500 Euro in der Kreide steht, wird die Schere der Ungerechtigkeit für die Drei noch direkter. Sie brechen bei dem Auto-Besitzer, Hardenberg, ein, werden dort aber von ihm überrascht. Hardenberg wird niedergeschlagen und in eine Hütte entführt. Dort entpuppt er sich als Alt-68er, der selbst früher für die gleichen Ideale gekämpft hat wie das Trio. Am Ende reflektieren sowohl Jule, Jan und Peter als auch Hardenberg ihr Handeln.
Mögliche Vorbereitungen
- Recherche zur Verteilung des Kapitals in Deutschland
- Recherche zur Wirkung von Protesten
Im Unterrichtsgespräch:
Welche Möglichkeiten gibt es, die Kluft zwischen Arm und Reich zu lindern bzw zu beseitigen?
Speziell für den Theaterunterricht
- Erstellt ein Standbild zum Thema „Trauer“ (Gruppe), „Aufruhr“ (Gruppe B), „Freude“ (Gruppe C).
- Unterlegt dieses Standbild
- mit einer Musik, die die Stimmung unterstreicht,
- mit einer gegenteiligen Musik
- mit einer neutralen Musik
- ohne Musik
Präsentation und Feedback