Was für ein stiller, poetischer Abend! Der Schweizer Theaterkünstler Thom Luz hat am Deutschen Schauspielhaus das Gedicht „alphabet“ der dänischen Lyrikerin Inger Christensen inszeniert und damit einen Gegenentwurf zum aktuellen Welt-Chaos geschaffen.

Die Kritik
Was war nochmal die Fibonacci-Folge? Ist sicher nicht jedem geläufig, macht aber auch nichts. Nur so viel: Über die mathematische Formel, im Mittelalter von Leonardo da Pisa entwickelt, lässt sich fast alles Wachstum in der Natur beschreiben. Eine Zahlenreihe, in der sich die nächste Zahl aus den beiden vorangegangenen ergibt, wächst progressiv bis ins Unendliche und versucht damit eine Ordnung herzustellen. Die dänische Lyrikerin Inger Christensen (1935 -2009) verwendet dieses Prinzip für den Aufbau ihres Gedichts „alphabet“, in dem sie Begriffe und Formeln aneinanderreiht und dadurch ganz neue Welten entstehen lässt.
Aber ist so ein Text etwas für die Bühne? Durchaus, findet Thom Luz. Der Schweizer Theaterkünstler schreckt nicht vor kompliziert und unspielbar erscheinenden Vorlagen zurück. Vor drei Jahren inszenierte er an der Kirchenallee „Die acht Oktavhefte“ von Kafka und schuf einen wundersamen, zarten Abend. Mit Inger Christensens Gedicht gelingt ihm erneut eine Produktion, die so weit vom Mainstream, so weit vom Schrillen und so weit von einem realitätsnahen Abbild der Wirklichkeit entfernt ist wie der Mond. In „alphabet“ gibt es keine Handlung. Aus dem Nichts entstehen Worte, reihen sich aneinander, werden rhythmisiert, wiederholt, durch perkussive Musik ergänzt, untermalt durch Töne, Geräusche und Gesang. Auf diese Weise entsteht ein Kosmos, in den man nach und nach hineingesogen wird. Alberta von Poelnitz, Julia Wieninger und Ilse Ritter, Schauspielerinnen aus zufällig drei verschiedenen Generationen, sprechen den Text, verleihen ihm Klangfarbe und Stimmung. Man erkennt Melancholie, Freude, Trauer oder Erinnerung, und es ist, als höre man ihnen beim Denken oder beim Erfassen der Wirklichkeit zu. Formeln wie „gibt es“ oder „wird es geben“, einem Begriff oder einer Beobachtung nachgestellt, wirken, als würde sich die Sprecherin ihrer eigenen oder der Existenz der Welt vergewissern. Einer Existenz, in der Zerstörung und Aufbau, Schönes und Hässliches, Entstehen und Vergehen gleichzeitig nebeneinander stehen.
Mehr als nur zu dessen Untermalung dient die Perkussion der Reaktion auf den Text.
Das Ordnungsprinzip ist Spiel. Auf schwarze Gaze werden Begriffe in alphabetischer Reihenfolge projiziert, ein Schlag dagegen lässt sie durcheinander wirbeln, sich neu ordnen und andere Konstellationen entstehen. Die Bühne (Malte Knipping, Thom Luz) wechselt von einem Raum mit durcheinander gewürfelten Stühlen, über ein bespielbares Gittergerüst zu einem Café, dessen Inventar wie auch das Gerüst für Klangmöglichkeiten ausgelotet wird. Aus einem Tonbandgerät dringen Satzfetzen des dänischen Originals. Julia Wieninger dreht das Band zurück, spricht die deutsche Übersetzung, bemüht um Genauigkeit: „Aprikosenbäume – gibt es“. Durch das zarte Klavierspiel Ilse Ritters driftet das Strenge, Exakte dieser Worte ins Wehmütige. Wie eingefroren steht Alberta von Poelnitz auf einer Leiter, die zu einem offenen Quadrat führt. Dort wischen die drei Perkussionisten Stefan Krause, Ling Zhang und der musikalische Leiter Peter Conradin Zumthor mit Kreide rhythmisch an Tafeln, es klingt wie Regen. Mehr als nur zu dessen Untermalung dient die Perkussion an diesem Abend der Reaktion auf den Text. Statt Instrumente (mit Ausnahme des Klaviers) werden Alltagsgegenstände wie Metallstäbe oder Handbesen verwendet, Dinge also, die sich direkt aus dem Bühnenbild ergeben. Sie verstärken die Musikalität des Textes und lassen das Publikum eintauchen in einen entschleunigten, nachdenklichen, wunderbaren Kosmos. Kein leicht zu konsumierender, aber ein besonderer Abend, den man sich in diesen Zeiten gönnen sollte.
Weitere Informationen unter: https://schauspielhaus.de/stuecke/alphabet
INFORMATIONEN FÜR LEHRKRÄFTE
- Oberstufenschüler:innen, die sich in ihren Musik- oder Theaterkursen mit dem Einsatz von Klang und Geräuschen über Alltagsgegenstände beschäftigen, sei dieser Abend mit einem entsprechenden Arbeitsauftrag zu empfehlen.
- Lehrkräfte, die mit ihren Kursen zu Klang und Geräuschen arbeiten wollen, finden hier wertvolle Inspirationen.