Fisch för veer- ein letztes Mahl

Zurück in die gute alte Zeit. Mit der Krimikomödie „Fisch för veer – Ein letztes Mahl“ eröffnet das Ohnsorg Theater die neue Spielzeit. Damit bedient es ein Publikum, das dem Haus seit Jahrzehnten treu ist, weil es das Plattdeutsche und leichte Unterhaltung liebt. Aber was ist mit der Öffnung zu neuen Zuschauer:innen? 

Diener dreier Herrinnen: Rudolf (v. li: Beate Kimpel, Oskar Ketelhut, Meike Meiners, Birte Kretschmer) – Foto: Oliver Fantiitsch

Die Kritik

Flashback in die frühen Siebziger Jahre. Damals wurden aus dem Ohnsorg Theater im Fernsehen Komödien mit Heidi Kabel und Henry Vahl übertragen. Volkstheater eben  – und das erfreute sich größter Beliebtheit. Ein bisschen fühlt man sich bei „Fisch för veer – Ein letztes Mahl“ an diese Zeit erinnert, und vermutlich steckt dahinter auch volle Absicht, sowohl bei der Spielplangestaltung als auch bei der Inszenierung. Die mit „Kriminalstück älterer Art“ untertitelte Komödie hatte Autor Wolfgang Kohlhaase ursprünglich mit der Künstlerin Rita Zimmer als Hörspiel konzipiert. 1968 wurde es im Rundfunk der DDR ausgestrahlt, wenig später schaffte es den Sprung auf die Theaterbühnen. 

Modern oder ansatzweise aktuell ist an diesem Stück gar nichts. Weder der Inhalt noch dessen Umsetzung. Es spielt im 19. Jahrhundert und erzählt von drei schrulligen, aber reichen Schwestern und ihrem Diener Rudolf. Der ist wie seine Arbeitgeberinnen bereits sehr dicht am Rentenalter und hat sich klaglos für sie abgerackert. Aber jetzt will er ausbezahlt werden und die lang ersehnte Weltreise  antreten- schließlich weiß er vom beeindruckenden Erbe der drei Frauen. Mit jeder einzelnen hat er eine heimliche Liebschaft gepflegt, jede hat ihm einen Anteil am Erbe versprochen. Sein Ansinnen fällt jedoch auf taube Ohren. Statt dessen planen die Frauen heimlich ihren Diener zu beseitigen. 

Ketelhut ist das Zentrum dieser Inszenierung.

Aus diesem Plot entwickelt sich eine vorhersehbare Handlung, die Regisseur Marc Becker (“Kribbeln in’n Buuk – Der Himmel voller Geigen“) mit einigem Tempo zu inszenieren versucht. Er beginnt mit einem interessanten Einstieg: Der Vorhang öffnet sich nur einen Spalt und zeigt das ganz in Schwarz gekleidet Ensemble aufgestellt als Formation. Zu an Kurt Weill erinnernden Musik (Jan W. Beyer) führt es in einer Art Sprechgesang auf Hochdeutsch in die Personen, Ort und Zeit ein. Es handelt sich um die vom Autor vorgegebene Biedermeierzeit, die sich in der aufwändigen Ausstattung (Bühne und Kostüme: Sabine Flunker) widerspiegelt. Das eigentliche Spiel beginnt zunächst stumm. Man sieht den fabelhaften Oskar Ketelhut als Diener Rudolf schwere Koffer schleppen, husten, sich den Schweiß von der Stirn trocknen. Wenn nacheinander die Schwestern Charlotte (Meike Meiners), Cäcilie (Beate Kiupel) und Clementine (Birte Kretschmer) den Raum betreten und per Handzeichen weitere Dienstleistungen verlangen, rollt Ketelhut nur mit den Augen oder modelliert sein „Bannig gerne!“ ganz unterschiedlich je nach Auftrag. Sehr schnell wird seine Haltung zu Job und Arbeitgeberinnen deutlich, dennoch wahrt er ein Geheimnis. 

Ketelhut ist das Zentrum dieser Inszenierung. Sein feines Spiel hat Komik, ohne plakativ oder aufdringlich zu sein. Als Rudolf zieht er mehr und mehr die Fäden, macht eigentlich schon sehr bald klar, dass er nicht das bedauernswerte Opfer, sondern vielmehr derjenige ist, der die Lage durchschaut. Die drei Schauspielerinnen, allesamt Spitzen des Ohnsorg-Ensembles, haben deutlich weniger Möglichkeiten, ihren Figuren Tiefe zu geben. Meiners’ Charlotte bleibt die strenge älteste Schwester, Kiupel die Pralinen-affine Cäcilie, Kretschmer die naiv-kecke Clementine. Dass alle drei deutlich mehr können, weiß man aus anderen Produktionen. Ging es bis zur Pause noch recht behäbig zu, nimmt die fast ausschließlich plattdeutsche Inszenierung (nur Zeitungsartikel werden auf Hochdeutsch verlesen) im zweiten Teil bis zum überraschenden Ende deutlich an Fahrt auf.

Der Beifall am Premierenabend bewies, dass es für Produktionen dieser Art durchaus ein Publikum gibt, noch. Neue oder gar jüngere Zuschauer:innen wird man damit aber kaum erreichen. Bleibt zu hoffen, dass das Theater den Weg, den es in den letzten Jahren mit zeitgenössischen und/oder thematisch deutlich anspruchsvolleren Produktionen eingeschlagen hat, nicht aus den Augen verliert. 

Weitere Informationen unter: https://www.ohnsorg.de/events/fisch-foer-veer-ein-letztes-mahl-2/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert