Problem Familie. Man sehnt sich nach ihr in einer heilen Version, andererseits flieht man ihrer Enge. Und wenn es schlimm kommt, kann sie zur Keimzelle für Terrorismus werden. Damit beschäftigt sich Rainald Goetz in seinem jüngsten Stück „Baracke“. Stefan Pucher liefert dazu im Thalia in der Gaußstraße eine bitterböse Inszenierung.

Die Kritik
Die schwarzweißen Möbel des Kinderzimmers sind überdimensional groß: die Wickelkommode, die beiden Tripp Trapp-Stühle, der Tisch. Das Gitterbettchen links auf der Bühne wirkt wie ein Knast, die Rückwand des Zimmers weist dunkle Brandspuren auf (Bühne: Barbara Ehnes). Über dieser Anordnung sind auf zwei gegenüberliegenden Seiten zwei Monitore angebracht, auf denen wiederum in Schwarzweiß Gesichter oder Videos von Überfällen und Terrorakten zu sehen sind, ergänzt oder besser: verfremdet durch bunte Kuscheltiere und Comic-Sprechblasen (Video: Kathrin Krottenthaler).
Familie, Kinder und Gewalt – um diese Komponenten kreist Rainald Goetz’ 2023 entstandenes Stück. Nach Claudia Bossards Uraufführung am Deutschen Theater Berlin hat Stefan Pucher jetzt „Baracke“ im Thalia in der Gaußstraße mit einem beeindruckenden sechsköpfigen Ensemble in eine Inszenierung übertragen, die das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Düster grollt die Musik, eine Stimme spricht von Angst.
Schon die erste Szene verweist auf das Verborgene, das Dunkle hinter der oberflächlich netten Familien. Düster grollt die Musik (Christopher Uhe), eine Stimme spricht von der „Angst, dass er plötzlich zu brüllen anfängt“. Aber das will niemand wahrhaben. Barbara Nüsse im niedlichen Panda-Kuscheltier-Kostüm denkt an Partys und an Liebe und zeigt die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Doch Wirklichkeit wird sie nicht. Im Gegenteil. So, wie Goetz und mit ihm Regisseur Pucher die Liebe und die Familie über die Jahre beobachten, ist sie geprägt durch permanenten Streit, durch Enge, durch eisiges Schweigen oder körperliche Gewalt. Die Prägung der späteren Erwachsenen durch ihre Kindheit wird durch Ehnes Bühnenbild aufgegriffen, die Schauspielenden wirken darin klein wie Kinder. Maike Knirsch als Bea und Marius Huth als Ramin zeigen eine Paarbeziehung, in der Bea den pragmatischen, nüchtern denkenden Part gibt, Ramin dagegen ist mit seiner 70er-Jahre-Brille und der Jeansjacke im Blouson-Stil (Kostüme: Annabelle Witt) ein unfertiges Muttersöhnchen, das an die romantische Liebe glaubt. Beide werden über die Monitore mit kalten Blicken beobachtet von Vater (Oliver Mallison) und Mutter (Gabriele Maria Schmeide). Jahre später hat sich das Paar getrennt. Bea hat sich in Uwe (Hajo Tuschy), einen egoistischen brutalen Typen, verliebt. Ihr früheres Selbstbewusstsein ist dahin, statt dessen ist sie in ihrer Abhängigkeit von Uwe zu einen hysterischen, flehenden Anhängsel geworden.
Pucher spielt auf die Bekennervideos des NSU an, indem er die Schauspielenden als Paulchen Panther und andere Stofftiere auftreten lässt.
Pucher flicht in das Spiel Videosequenzen ein, in denen bunte Kuscheltiere die vom NSU bis 2011 begangenen Morde ausführen. Geräusche oder Ausrufe werden durch grelle Comic-Sprechblasen dargestellt. Dazu verlesen Marius Huth oder Oliver Mallison unbeeindruckt, was jeweils geschehen ist, Teile des Textes werden auf den Monitoren eingeblendet.
Mit der Melodie von Paulchen Panther hatte der NSU seinerzeit seine Bekennervideos unterlegt. Pucher spielt darauf an, indem er die Schauspielenden als Paulchen Panther und andere Stofftiere auftreten lässt. Niedlich sehen sie aus, harmlos und kuschelig. Aber sie tragen das Böse in sich, geprägt durch das, was in den Familien unter den Teppich gekehrt worden ist. Ob Familie immer auch Keimzelle für Terror von welcher Seite auch immer ist (die Anschläge vom 11. September 2001 oder die Ermordung von Hans-Martin Schleier tauchen ebenfalls in den Videos auf), mag vielleicht ein wenig kurz gedacht sein. Dennoch bleibt dieser zweieinhalbstündige Abend (inkl. Pause) beeindruckend, seine Botschaft nachdenkenswert.
Weitere Informationen unter: https://www.thalia-theater.de/de/stuecke/baracke/158