Mama Odessa

Man kann sie alle sehen und ablaufen, die Orte, an denen Maxim Billers Roman „Mama Odessa“ spielt. Und die Hamburger Kammerspiele liegen mittendrin. Es ist also nur recht und billig, dass dieses Theater als erstes den Zuschlag für die Rechte an einer Bühnenfassung bekommen hat. Im Zentrum des autobiografisch geprägten Romans steht die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, über die das Schicksal der russisch-jüdischen Familie von 1942 bis 2019 erzählt wird. Gar nicht einfach, so etwas auf die  Bühne zu bringen. Regisseur Kai Wessel versucht es dennoch mit zwei exzellenten Schauspieler*innen.

Telefonate zwischen Mutter Aljona (Adriana Altaras) und Sohn Mischa (Florian Lukas) – Foto: Bo Lahola

Die Kritik

„Mama!!!!“ und noch ein paar Mal „Mama!!!“. Der erwachsene Mischa (Florian Lukas) schreit wie ein kleines Kind nach seiner Mutter. Sie ist nicht mehr da, verstorben – und Mischa muss die Wohnung abwickeln. Danach sieht es auch aus: umgedrehte Stühle auf dem Esszimmertisch, offen stehende Schubladen, irgendwo ein paar Koffer und dann natürlich noch quer im Raum die rote Ledercouch, auf der die Mutter zu Lebzeiten oft tagelang herumlümmelte (Bühne: Maren Christensen, auch verantwortlich für die Kostüme). All das und dazu noch ein paar Briefe erinnern Mischa an seine Mutter, an die Beziehung zwischen ihnen beiden und an das, was die Familie seit dem Weggang aus Odessa erlebt hat.

Maxim Biller erzählt in seinem 2023 erschienenen Roman „Mama Odessa“ in leicht verfremdeter Form die Geschichte seiner Mutter Rada. Die Namen sind geändert (Rada heißt Aljona, Maxim Mischa, der Familienname ist jetzt Grinbaum), zentraler Ort der Handlung bleibt aber Hamburg, genauer gesagt das Grindelviertel mit genau beschriebenen Straßen. Die russisch-jüdische Familie stammt aus Odessa, Mischa ist dort geboren. Die Nazi-Massaker von 1941, denen sein Großvater knapp entkommen ist, hat er nicht erlebt. Dafür aber die Flucht, das Ankommen in Hamburg, die Jobsuche der Mutter und die Trennung der Eltern. Der Vater hat die Familie ausgerechnet wegen einer Deutschen verlassen, jetzt muss die Mutter alleine klarkommen. Sie beginnt, das Erlebte aufzuschreiben, als autofiktionale Geschichte also, in der sie sich und allen anderen neue Namen gibt. 

Die Bühnenfassung verschränkt die zeitlich verschiedenen Ereignisse miteinander.

Billers Roman ist eine Erinnerung, eine Hommage an seine Mutter. Dramaturgin Anja Del Caro und Regisseur Kai Wessel haben daraus für die Kammerspiele eine Bühnenfassung destilliert, die versucht, die Ereignisse nicht brav nacheinander zu erzählen, sondern sie miteinander zu verschränken. Dadurch entstehen Sprünge zwischen verschiedenen Zeiten und Orten (mal ist es Odessa, mal Hamburg, dann wieder München oder Berlin, wo Mischa als Erwachsener arbeitet). Die Geschichten verschwimmen, wenn auch Mutter Aljona (Adriana Altaras) an ihrem Roman arbeitet und das Geschriebene mit den neu erdachten Namen vorliest  (wer ist jetzt Ella? wer Sascha?). Wer Billers Roman nicht gelesen hat, wird hier leicht verwirrt sein und nicht genau wissen, um wen es sich gerade zu welchem Zeitpunkt handelt. 

Um das Ganze nicht zu einer erweiterten Lesung zu machen, lässt Wessel, eigentlich Film- und Fernsehregisseur, die Mutter (sozusagen in Mischas Erinnerung) wieder auftreten. Beide führen entweder direkte Dialoge oder Telefongespräche, manches wird auch szenisch dargestellt. Nach der Pause des insgesamt knapp zweistündigen Abends zieht das Tempo an. Es gibt mehr Handlung zu sehen und nicht nur Texte zu hören, was der Inszenierung sehr gut bekommt. Glück hat Wessel mit seinen beiden Schauspieler*Innen. Florian Lukas, bekannt aus Kino- und Fernsehfilmen (u.a. „Absolute Giganten“ oder „Weißensee“) gelingt es, der eher undankbaren Rolle des rückblickenden Erzählers unterschiedliche Nuancen abzugewinnen. Natürlich ist er genervt von seiner ständig anrufenden Mutter, aber er zeigt auch eine große Zärtlichkeit für sie und kümmert sich darum, dass ein Verlag sie unter Vertrag nimmt. Deutlich mehr Spielmöglichkeiten hat die hinreißende Adriana Altaras, die nicht nur Schauspielerin und Regisseurin, sondern selbst auch Autorin ist. Mit dem Stift in den Haaren ist ihre Aljona ganz bei sich, wenn sie an ihrem Roman arbeitet. In der Erinnerung an ein Lied, das ihr Sohn am Klavier spielt, beginnt sie zu tanzen und ist plötzlich wieder zwanzig Jahre alt. Als alte, schon gebrechliche Dame behält sie ihren Stolz, schimpft über ihren Ex-Mann mit der „Nazi-Hure“ genauso wie früher, kann aber mit ihrem Sohn wieder ganz sanft reden. 

Gleich neben den Kammerspielen in der Bieberstraße steht das Haus, in dem die Billers gewohnt haben. Nach der Vorstellung von „Mama Odessa“ sieht man es mit anderen Augen. 

Weitere Informationen unter: https://hamburger-kammerspiele.de/programm/mama-odessa/

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